20. Oktober 2017, 18.30 Uhr

Seit mehr als einer Stunde sitze ich tatsächlich in einem Zug nach Warschau. Für alle, die die letzten sechs Wochen verpasst haben (das sind alle, die mich nicht persönlich kennen): das Versäumte im Blog wird nachgeholt. Ich hatte einfach keine rechte Lust auf Bildbearbeitung, auf Textschreiben, auf Verlinken mit Wikipedia-Artikeln. Dabei hätte ich die vergangenen sechs Wochen viel bloggen können. Meine (Fahrrad- und Bahn-)Reise nach Katalonien, meine spontane Urlaubsverlängerung in Barcelona, meine etwas abenteuerliche Rückreise mit Regionalzügen der RENFE, der SNCF und der Deutschen Bahn vom Mittelmeer nach Deutschland, ein Ausflug nach Stuttgart, noch einmal fast zwei Wochen Frankfurt am Main (wobei ich von Frankfurt nicht viel gesehen habe – ich musste parallel auch immer arbeiten), ein Kurzausflug nach Schwäbisch Hall beziehungsweise nach Vellberg, dann mit Unterbrechungen etwa 20 Nächte (und Arbeitstage) in Karlsruhe und schließlich vor zwei Tagen meine Reise nach Berlin.

Was aber für mich viel wichtiger war als das Reisen: das Nachdenken. Das Nachdenken, wie es mit mir weitergehen soll. Wo es mit mir weitergehen soll.

Die letzten Wochen waren meine Gedanken an Polen und Warschau – um es freundlich auszudrücken – gleichgültig. Es ist wirklich so, dass alle emotionalen Verbindungen zu Land und Stadt abgerissen sind. Wann immer ich darüber nachgedacht habe, dass ich ja irgendwann nach Warschau zurückkehren muss, war der nächste Gedanke, ach, jetzt nicht dran denken, ich kann ja noch in Deutschland bleiben.

Unterwegs – das fing schon vor zehn Wochen im Odenwald an – immer das Scannen der Umgebung mit der Frage: könntest du hier leben? Ich habe inzwischen einerseits sehr klare Vorstellungen, wie mein Zuhause aussehen muss, anderseits auch eher nicht so hohe Ansprüche. Ich muss nicht im Zentrum einer Großstadt leben. Das hatte ich mehr als 25 Jahre. Und das will ich nicht mehr unbedingt. Ich kann mir sehr gut Leben auf dem Land vorstellen. Aber so richtig Land. Nicht eine verschnarchte Kleinstadt, in der man dann doch in einer kleinen Wohnung hockt. Eher so richtig auf dem Land. Mit Garten und Natur drumherum. Vielleicht ein altes Haus. Mit einer Heizung, die man nicht einfach aufdrehen kann. Das darf dann gerne auch Arbeit machen. Zumindest jetzt in meiner Vorstellung.

Ich weiß aber auch, was ich zum Leben und Wohlfühlen brauche: Ein weiter Blick, öffentlichen Nah- oder Fernverkehr in akzeptabler Nähe. Vor allem schnelles Internet. Mein Bett. Mein Sofa. Meine Bücher. Und morgens immer Kaffee mit Sojamilch.

Ich weiß inzwischen, dass mir die politische Lage um mich herum nicht gleichgültig ist. Dieses mir einst so vertraute und sympathische Polen erscheint mir wegen der politischen Entwicklungen der letzten Monate derartig fremd und fast schon feindselig. (Trotzdem: kurz nach dem Einstieg in diesen Zug bin ich direkt ins Zugrestaurant gegangen. Als mich die polnische Bedienung mit einem freundlichen dzień dobry begrüßt hat, ging mir direkt wieder das Herz auf.)

Unterwegs – beim Scannen der Umgebung – spielte ich nur für mich kurz durch, ob ich in Frankreich leben wollte. Ich fand das, was ich aus dem Zug sehen konnte, vor allem in Ostfrankreich, ziemlich schön. Das Elsass: wunderbar. Das Tal des Doubs’: wunderschön. Aber gleichzeitig dachte ich auch: diese Franzosen wählen zu fast 50 Prozent den Front National. Da kann ich unmöglich leben.

Dann in Katalonien. Mein Ankommen in Portbou (ich werde hoffentlich bald mehr davon schreiben und auch Bilder posten): wie vor 31 Jahren bei meiner ersten Begegnung mit dieser kleinen Stadt dieses Angezogenfühlen des auf mich morbide wirkenden Charmes und die spontane Idee, dort leben zu wollen. Oder zumindest den nächsten Winter in Cadaqués verbringen. Und dann in den folgenden vier Wochen mitbekommen, wie sich die Katalanen gerade politisch selbst zerlegen. In ein Land ziehen wollen, das sich möglicherweise am Rande eines Bürgerkrieges befindet? Dann kann ich auch in Polen bleiben.

Karlsruhe. Immer wieder verblüfft mich Karlsruhe. Ich bin in den vergangen drei Monaten fünfmal mit dem Zug in Karlsruhe angekommen. Jedesmal auf den ersten Metern auf dem Fahrrad nach dem Hauptbahnhof in Richtung Sonjas Wohnung das Gefühl: hier würde ich mich wohlfühlen. Hier könnte ich leben.

Karlsruhe bietet in meinen Augen sehr viel Lebensqualität. Eine optisch in den Nachkriegsjahren trotz Kriegszerstörungen nicht total verschandeltes Stadtbild, ein hervorragendes Nahverkehrssystem, perfekte Infrastruktur für Fahrradfahrer, das angenehmste Klima in Deutschland, eine Stunde späterer Sonnenuntergang als in Warschau. (Das mag jetzt banal klingen. Für jemanden mit dem Hang zu Winterdepression ist die lange Verfügbarkeit von Tageslicht nicht unwichtig.)

Zwischendurch immer wieder das Nachdenken: willst du im Großraum Karlsruhe oder im Großraum Frankfurt auf dem Land leben? Kann man dort überhaupt auf dem Land leben? In meiner Fantasie sprangen mir immer wieder Bilder von einem Ausflug, den ich mit Sonja in den Schwarzwald gemacht habe vor mein geistiges Auge. Oder Bilder von unserem Familientreffen vor drei Jahren, das wir eher zufällig im Karlsruher Raum abhielten.

Was für Süddeutschland sprechen würde: der Großteil meiner Familie wohnt dort, ich könnte meine inzwischen fünf in Süddeutschland lebenden Großnichten und -neffen unmittelbarer aufwachsen sehen. Ich könnte Sonja mit meiner räumlichen Nähe beglücken. Ich wüsste im Groben, worauf ich mich mentalitätsmäßig einließe. Das wäre irgendwo im Osten oder im Norden Deutschland eher eine große Unbekannte.

Ich könnte mich im Alltag wieder in meiner Muttersprache unterhalten. Ich müsste keine komischen Konstruktionen – wie jetzt in Polen – mit »hier leben, aber dort Steuer zahlen und krankenversichert sein« bemühen.

Ach, am allerschönsten wäre es, wenn es mir mit meinem neuen Wohnort so erginge, wie es vor drei Jahren in Warschau war. Ein Scherz, danach das Angebot, den Mietvertrag für eine total schöne Wohnung mit tollem Ausblick zu einem akzeptablem Preis übernehmen und einfach umziehen. Keine Gedanken machen müssen: wo will ich eine Wohnung suchen? Keine fünftausend frustrierenden Wohnungsbesichtigungen. Keine Enttäuschung, weil die Wohnung, die ich gerne hätte, dann doch an wen anders vergeben wird.

Kann sich Polen politisch nicht einfach wieder einkriegen? Kann in Warschau nicht einfach die Sonne genauso spät untergehen wie in Karlsruhe? Kann in Polen nicht so ein Klima sein wie in Nordspanien?

Eigentlich müsste ich jetzt noch einmal sechs bis acht Wochen im Norden Berlins und in der Gegend um Hamburg unterwegs sein. Vielleicht will ich ja am Ende doch nach Brandenburg ziehen oder an die Ostseeküste.

Jetzt freue ich mich jedenfalls wirklich erstmal auf meine Wohnung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Radek, dem ich sie vor fast drei Monaten überantwortet habe, gut mit ihr und meinen Balkonpflanzen umgegangen ist. Ich werde morgen früh in meinem Bett – in meinem Bett! – IN MEINEM BETT! – aufwachen und es lieben. Ich werde mich um meine nun auch schon wieder fast fünf Monate überfällig Steuererklärung fürs Jahr 2016 kümmern. und ich werde nächste Woche wieder nach Berlin reisen. Mit jahreszeitlich angemessener Kleidung (meine eh sehr spärlich eingepackte Garderobe besteht mehr oder weniger aus zehn Unterhosen, fünf Paar Socken und zehn T-Shirts).

Falls irgendwer meiner Leserinnen und Leser eine ganz tolle Idee hat, wo ich mich in Zukunft niederlassen könnte, bitte ich um Tipps und Hinweise. Gerne nehme ich Angebote an wunderschönen Wohnungen in Karlsruhe und Umgebung, an romantisch am Waldesrand gelegenen Häusern in Odenwald, Spessart, Schwarzwald oder Brandenburg an. Oder ein Angebot, mich für 600 Euro monatlich das ganze Jahr (!) in einer Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung in Cadaqués einmieten zu können (mit der Garantie, dass dort keine Unruhen ausbrechen und sich Katalonien nicht für unabhängig erklärt und sich damit auch meine Grundlage einer Übersiedlung als EU-Bürger mit der damit verbundenen Freizügigkeit zerschlägt).