31. Juli 2017, 12 Uhr

Wer mich kennt – wer mich vor allem länger kennt – weiß, dass ich schon immer sehr große Sympathien für Polen gezeigt habe. Aber es geht nicht mehr. Zumindest habe ich das Gefühl, dass es nicht mehr geht mit mir und Polen.

Was tut man, wenn man nach zwanzigjähriger Schwärmerei aus der Ferne drei Jahre mit einem Partner zusammenlebt, der sich nach einem Jahr völlig wandelt? Der nicht mehr liebenswert erscheint, sondern aggressiv-abweisend? Der nicht mehr mit seiner Offenheit begeistert (im Falle meiner Wahrnehmung Polens: Freundlichkeit gegenüber Fremden), sondern mit latent gewalttätig anmutender Sprache (Polens offizielle Sprachregelung Flüchtlingen gegenüber, Polens Regierung gefährlich nachsichtiger Umgang mit Rechtsextremen im Land)?

War ich blauäugig? War ich naiv? Hätte man – hätte ich? – diese aktuelle Entwicklung ahnen müssen? Wird es noch düsterer?

Ich habe die wohl nicht unberechtigte Sorge, dass nach der politischen Sommerpause die sogenannte Justizreform noch einmal angegangen wird. Kaczyński wird nicht ruhen, ehe er die Gerichte seiner Partei (und damit sich) unterworfen hat. Ich habe Sorge, dass im Herbst die zum Glück noch sehr zahlreichen freien Medien »dran« sind. Ich habe Sorge, dass sich Polen nicht von Zureden und leider auch nicht von finanziellen Sanktionen seitens der EU davon abhalten lassen wird. Ich habe inzwischen sogar Sorge, dass dieses »Änderungen« soweit gehen könnten, dass die nächste Wahl in zwei Jahren keine demokratische mehr sein wird.

Polen ist noch immer weit davon entfernt, sich Zuständen wie aktuell in Venezuela oder in Belarus anzunähern. Aber es ist auf dem guten Wege zu einem System wie in Russland oder in der Türkei. Keine unabhängigen Gerichte mehr. Keine freie Presse mehr.

Was mich am meisten irritiert oder schockiert, ist noch immer die relative Passivität der Bevölkerung. Ich war im vergangenen Monat auf etwa einem Dutzend Demonstrationen. Natürlich war ich dort nicht alleine. Natürlich gibt es Politikerinnen und Politiker, die sich der PiS entgegenstellen. Man muss eher sagen: entgegenzustellen versuchen. Aber alleine schon die Tatsache, dass es an manchen Tagen drei verschiedene Demonstrationen von drei verschiedenen Veranstaltern an drei verschiedenen Orten gab, zeigt, wie uneinig die Opposition im Land ist. Und vor allem: wie wenig Menschen im Verhältnis zu Einwohnerzahlen von Stadt und Land zu den Demonstrationen kamen. Sicher: es wurde in allen Großstädten und in fast allen Mittelstädten, hinunter bis zu Kleinstädten demonstriert. Das Land hat aber fast 40 Millionen Einwohner. Warum waren da nicht 500.000 oder gar eine Million Menschen auf der Straße? Es ist nicht so, dass die schweigende Masse der Regierungspolitik zustimmt. Wenn ich in meinen Bekanntenkreis schaue und horche: alle empören sich. Alle regen sich auf. Zu den Demonstrationen kam aber nur ein ganz, ganz kleiner Teil der Leute, die sich dezidiert als PiS-Gegner definieren. Wenn man den Meinungsforschungsinstituten glauben darf, ist die Mehrheit gegen die Art und Weise, wie die PiS regiert. Sicher, die PiS hat ihre Stammwählerschaft, sie hat auch die relative Mehrheit der Wähler hinter sich. Aber das ist eben nicht die absolute Mehrheit der Bevölkerung.

Ich will jetzt gar nicht darüber nachdenken, was mit den PiS-Leuten alles falsch läuft, dass sie – nur weil sie von 51 Prozent der Stimmberechtigten 38 Prozent der Stimmen erhielten – meinen, sie könnten sich das Land komplett unter den Nagel reißen (und genau das versuchen sie – sie versuchen, sich das Land dauerhaft zu »sichern«). Wenn ich daran denke, wird meine Verzweiflung nur noch größer. Das sind Nicht-Demokraten, das sind Menschen, die alles Freie verachten, das sind Menschen, die zu keinem Dialog fähig sind, das sind Menschen, die sich nicht einmal darauf einlassen, dem anderen zuzuhören. Das sind Irre, einer Sekte gleich.

Was mache ich? Was mache ich mit meinem Leben in Warschau?

Ende der Woche oder Anfang der nächsten Woche werde ich Warschau tatsächlich verlassen (nachdem mein Plan, kurz ins freie Kopenhagen zu reisen, aus diversen Gründen aufgegeben werden musste). Ich werde meine Familie treffen. Ich werde meine alte Freundin Sonja treffen. Ich werde mit ihr und noch drei alten Freundinnen in vier Wochen nach Cadaqués reisen. Ich werde anschließend vermutlich mindestens eine Woche in Berlin sein. Ich werde sechs bis acht Wochen Abstand von Polen, von Warschau, von meinem Leben hier haben. Ich habe die Wohnung für die Zeit an einen Bekannten »abgegeben«, ich kann also auch beruhigt so lange fernbleiben.

Oh Mann, und parallel bekomme gerade im Moment ich die Nachricht, dass der polnische Justizminister Ziobro tatsächlich in einem Interview die Menschen, die mit Regenbogenfahnen auf dem Demos gingen, zu seinen, zu Polens Feinden erklärt hat.

Ich kann hier nicht bleiben. Außer die Polen wollen, dass ich bleibe. Und all die anderen Freigeister. All die anderen Lesben und Schwulen. All die anderen Atheisten.

Mir wird schlecht.

Ach ja, ehe da wieder irgendwer kommentiert, es sei nicht so schlimm. Doch. Es ist so schlimm.