10. Juni 2017, 19.11 Uhr

Meine kleine Krise von vergangener Woche, was ich eigentlich hier in Polen verloren habe, ist wieder halbwegs verschwunden. Das liegt – wie ich schon zum Trump-Besuch in Warschau schrieb – vor allem an den vielen »normalen« Menschen, die gegen die aktuelle Politik protestieren gehen. Trotzdem: dieses Land ist total gaga. Wirklich total gaga.

Seht selbst.

Blick nach links:

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Blick nach rechts:

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Ich stehe auf dem Schlossplatz (plac Zamkowy), vor der Sigismundssäule (kolumna Zymunta), auf dem zweiten Foto sieht man die St.-Annen-Kirche (kościół Świętej Anny) und den Beginn der »Krakauer Vorstadt« (ulica Krakowskie Przedmieście).

In der Kirche findet heute – wie jeden 10. eines Monats – ein sektenartiger Gottesdienst statt, anschließend werden die Kirchenbesucher zum etwa 300 Meter entfernten Präsidentenpalast (pałac Prezydencki) einer Prozession gleich marschieren.

Was es mit dem 10. eines Monats auf sich hat? Am 10. April 2010 stürzte die polnische Präsidentenmaschine mit Lech Kaczyński an Bord in Smolensk ab.

Seit dem 10. Mai 2010 gibt es monatlich (!) eine Gedenk- und vor allem Protestveranstaltung. Initiiert von Jarosław Kaczyński.

Anfangs – er und seine PiS waren noch in der Opposition – forderten die Teilnehmer dieser Veranstaltungen »Gerechtigkeit« und »Aufklärung«. »Aufklärung« über den angeblich verschleierten Anschlag.

Seit nunmehr fast drei Jahren sitzt Jarosław Kaczyński zwar nicht auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten, wohl hält er aber alle Strippen des Landes in der Hand. Für »Aufklärung« und »Gerechtigkeit« hätte er also seit fast drei Jahren sorgen können. Tut er nicht. Weil es nichts aufzuklären gibt. Er umgibt sich aber trotzdem noch mit einer Gruppe von Menschen, die man wirklich getrost als völlig verblendete Sektenmitglieder bezeichnen kann. Kaczyński schwadroniert noch immer Monat für Monat von Attentat, von Verschwörung gegen seinen Bruder, von Vertuschung der Vorgängerregierung, vom »Establishment«, zu dem er nicht gehören will, obwohl er längt Teil davon ist.

Es ist wirklich kaum vorstellbar, was da Monat für Monat passiert.

Anfangs war es nur eine kleine Gruppe von maximal 100 Mitgliedern, die dort aufmarschierte. Ich hab mir das selbst mal vor einem Jahr anschauen müssen. Wirklich lauter Verrückte, denen man – ich übertreibe nicht – den Wahnsinn von ihren Gesichtern ablesen kann.

Nun gibt es seit ein paar Monaten dieses absurde neue Gesetz, dass Demonstrationen verboten werden können, wenn am selben Ort und zur selben Zeit schon eine Demonstration angemeldet wurde. Und vor allem in der Form, dass eine regelmäßige Demonstration sozusagen ältere Rechte genießt und auf Jahre im Voraus angemeldet werden kann und dann keine Gegendemonstration erlaubt wird. Das ist de facto die Aufhebung der Versammlungsfreiheit, die bekanntlich zu den wichtigen Elementen einer funktionieren Demokratie gehört.

Gegen die monatlich stattfindenden Sektenversammlungen in der besagten St.-Annen-Kirche und vor dem Präsidentenpalast hat kaum jemand ernsthaft protestiert. Das wurde eher in der Rubrik »lasst die Spinner doch« abgetan. Seit nun aber dieses neue Demonstrationsrecht, eher das Demonstrationsverbot, in Kraft ist, kommen immer mehr Menschen tatsächlich zu einer Gegenversammlung zusammen.

Die Polen können immer noch sehr subversiv sein.

Vor vier Wochen haben ein paar Leute versucht, die »Prozession« zwischen der St.-Annen-Kirche und dem Präsidentenpalast zu blockieren. Das ist ihnen nicht wirklich gelungen, hat nun aber zur Folge, dass heute 2.300 (!) Polizisten in der Stadt zusammenkommen, um die Prozessionsteilnehmer zu »schützen«.

Das sieht man auf meinen zwei Bildern. Da wird großflächig, sogar viel weiter, als dieser Marsch stattfindet, die Stadt abgeriegelt, nur damit ein paar Hansel von der Kirche zum Präsidentenpalast laufen können.

In der Gazeta Wyborcza ist ein noch viel eindrucksvolleres Bild davon zu sehen – nämlich vom Turm der St.-Annen-Kirche aufgenommen:

Abgesperrte Krakauer Vorstadt.jpg

Quelle: Gazeta Wyborza

Das muss man sich reinziehen.

Das Ganze läuft noch immer als »politische Demonstration«, der riesige Aufwand wird also nicht privat, sondern aus Steuergeldern finanziert.

Kaczyński hat sich nun auch mit der Warschauer Stadtregierung angelegt. Er wünscht sich ein Denkmal – ein Heldendenkmal – in der Nähe des Präsidentenpalastes. Bisher gibt es eine kleine, eher unauffällige Gedanktafel vor dem Palast. Kaczyński will aber etwas richtig Großes für seinen toten Bruder haben.

Hier wird nun auch ein Totenkult betrieben, der ebenfalls nicht zu fassen ist. Ein Blick in den polnischsprachigen Wikipedia-Artikel dazu lohnt (es sind sogar schon zwei Artikel, weil die Liste zu lang wäre).