3. Juli 2017

Dass ich mit der Politik in Polen schwer hadere, dürfte bekannt sein. Zwischendurch kann ich das immer mal wieder komplett ausblenden. Denn eigentlich fühle ich mich hier ganz wohl. Meine Wohnung liebe ich noch immer. Beim morgendlichen Gang auf meinen Balkon frage ich mich ganz oft, wie ich so lange ohne Balkon habe leben können. Ich schau auf die Stadt und denke meistens: gefällt mir.

Habe ich Besuch aus Deutschland, freue ich mich, dass die Besucher meistens auch sehr von Warschau angetan sind. Ich freue mich darauf, hoffentlich zum Wochenende bei gutem Wetter meine erste Tour mit dem Rad starten zu können und wieder etwas Neues von dem Land kennenlernen zu dürfen.

Aber dann gibt es Tage wie gestern und heute. Ich lese Zeitung und denke, was ist das für ein unmögliches Land:

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Inhalt des Artikels (auf dem Foto: die Bildungsministerin Anna Zalewska): die von der liberalen Vorgänger-Regierung beschlossenen Anti-Diskrimierungs-Verordnungen für Schulen werden aufgehoben. Diskriminierung wegen Behinderung, wegen Religion, wegen sexueller Orientierung.

Es sollen kleine, gehorsame, stramm katholische Patrioten erzogen werden. Keine Abweichung von der Norm.

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Inhalt des Artikels: die UNESCO tagt in Krakau, es wird möglicherweise geprüft, ob der Białowieża-Urwald (Puszcza Białowieska) der Welterbe-Titel aberkannt wird, weil dort massiv in den geschützten Wald eingegriffen wird.

Dort soll weiter abgeholzt werden. Weil damit 500 Złotych mehr in den Staatshaushalt fließen. Dafür wird ein in Europa einzigartiges Naturschutzgebiet gefährdet.

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Inhalt des Artikels (in polnischen Medien war das schon vor mehr als einer Woche großes Thema): junge deutsche Schüler mit Kopftuch tragenden Mädchen, die zu Besuch in Polen sind, werden im Land massiv angefeindet. Bespuckt. Beleidigt. Die polnische Polizei weigert sich, den Vorfall aufzunehmen und verhöhnt die Schüler anschließend auch noch.

Was läuft hier so derartig falsch?

Am Wochenende hat die regierende PiS einen Parteitag abgehalten. Jarosław Kaczyński sagt dort, dass Polen vor »schädlichen Einflüssen von außen« geschützt werden müsse (und deswegen weiterhin keine Flüchtlinge aufnehmen wird). In seiner Rede schwadroniert Kaczyński allen Ernstes darüber, dass Polen noch immer unter Kriegsverlusten zu leiden hätte und diese nie entschädigt wurden.

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Inhalt des Artikels: In Krakau hängen Plakate, auf denen steht, dass Abtreibung Krebs verursache. Dass von 4.000 Frauen, die im Jahr an Eierstockkrebs erkranken, 3.600 eine Abtreibung haben vornehmen lassen. 80 Prozent der Frauen mit Brustkrebsdiagnose hätten ebenfalls eine Abtreibung vornehmen lassen. Die Frauen sind also selbst schuld, dass sie Krebs bekommen. Strafe Gottes.

Dann diese monatlich (!) stattfindende sektenartige Prozession zum Präsidentenpalast, um dem in Smolensk umgekommenen Zwillingsbruder Kaczyńskis, Lech Kaczyński zu »gedenken«, vor allem aber, um die völlig abwegigen Attentatstheorie aufrecht zu erhalten.

Was ist das für ein komisches Land? Was gibt es hier für absonderliche Politiker? Unter welchem Komplex leiden die, dass sie gegen alles, was nur im entferntesten als liberal, als frei, als offen gelten könnte, bekämpfen müssen? Was ist das für eine seltsam-gefährliche Vermischung von Politik und abstrusen katholischen Ideen?

Das macht mir die letzten Tage richtig schlechte Laune.

Kann mich mal bitte jemand trösten kommen?