11. Februar 2017, 17.40 Uhr

Ein etwas irritierendes Bild, wenn man weiß, dass »mein« Zug nach Warschau um 16.50 Uhr in Lichtenberg abgefahren ist:

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Was ist in den vergangenen 50 Minuten geschehen?

Ich war mehr als pünktlich am Bahnhof Lichtenberg (wegen Bauarbeiten kann der Zug derzeit nicht auf der östlichen Stadtbahn fahren, startet statt am Hauptbahnhof am Bahnhof Gesundbrunnen und hält statt am Ostbahnhof am Bahnhof Lichtenberg), der Zug kam (fast) pünktlich an und ist (fast) pünktlich abgefahren. Ich hatte mein Gepäck und mein Fahrrad auch schon im Zug verstaut.

Trotzdem befinde ich mich nun im Reisezentrum des Ostbahnhofs.

Der Zug hatte – wie so oft – trotz Eindeutigkeit im Fahrplan (»Fahrradmitnahme begrenzt möglich«) kein Fahrradabteil. Das kenne ich seit zwei Jahren. Mir ist es seit zwei Jahren ein Rätsel und manchmal ein Ärgernis. Beispiele in meinem Blog: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Wohlgemerkt: alles auf der Verbindung Berlin–Warschau, die laut Fahrplan immer Fahrradmitnahme anbietet.

Beim Buchen der Fahrkarte im Online-Buchungssystem der Deutschen Bahn kann man die Fahrradmitnahme als Option anklicken. Auch bei den folgenden drei bis fünf Schritte während der Buchung meckert das System nicht. Erst ganz am Schluss, beim Bezahlen, kommt die Meldung, dass die Fahrradkarte nicht gekauft werden kann. Man wird gefragt, ob man die Buchung abbrechen oder ohne Fahrradkarte fortsetzen will. Ich setze immer fort und kaufe die Fahrkarte beim Schaffner im Zug. Seit zwei Jahren gab es da noch nie ein Problem.

Heute geriet ich an einen extrem unfreundlichen, von Beginn an auf Krawall gebürsteten Zugchef, der zufällig in den dreißig Sekunden vor Abfahrt des Zuges in »meinen«, dem letzten Waggon (in dem eigentlich das Fahrradabteil sein sollte) war. Statt des Fahrradabteils hatte der Waggon ein kleines Gepäckabteil, wo das Rad stand. Es hat niemanden behindert. Es stand nicht im Weg.

Haben Sie eine Reservierung für das Fahrrad?

Nein, ich habe aber eine Fahrkarte für das Rad.

Ohne Reservierung kann das Rad nicht mit.

Laut Fahrplan hat der Zug aber ein Fahrradabteil.

Das ist egal, ohne Reservierung kommt das Rad nicht mit.

Die Reservierung funktioniert online nicht.

Dann müssen Sie eben am Schalter eine Reservierung kaufen.

Damit wird doch der Online-Fahrkartenverkauf ad absurdum geführt. Fahrkarte online von zu Hause kaufen, trotzdem zum Bahnhof gehen müssen, um die Fahrradkarte zu holen.

Ja, das ist dann so.

Da stimmt doch mit der Bahn was nicht. Fahrradabteil lauf Fahrplan vorhanden, Onlinebuchung nicht möglich.

Mir egal, Fahrrad kommt nicht mit.

Was soll ich jetzt machen?

Lassen Sie das Rad hier.

Ich kann doch das Rad nicht auf dem Bahnsteig stehen lassen.

Mir egal. Das Rad kommt nicht mit.

Kann ich das Rad in das Behindertenabteil stellen?

Nein, in diesem Zug fährt kein Fahrrad mit.

Oder ganz am Ende des Zuges, da stört es auch niemanden?

In diesem Zug fährt kein Fahrrad mit. Ich bin für die Sicherheit des Zuges zuständig. Kein Fahrrad ohne Fahrradabteil.

Können Sie sich bitte etwas flexibler zeigen? Ich muss nach Warschau, ich bin dort zwei Monate, ich kann mein Fahrrad nicht hier am Bahnsteig stehen lassen.

Dann fahren Sie und das Fahrrad nicht mit.

Das geht so nicht. Ich habe eine Fahrkarte gebucht.

Aber keine Reservierung.

Und nun?

Ich bin hier Chef, ich lass den Zug nicht abfahren, ich rufe dann die Bahnpolizei.

Noch einmal meine Bitte: können wir eine Lösung finden?

Nein, Sie verlassen jetzt den Zug oder ich rufe die Polizei.

Und er nahm sein Telefon in die Hand.

Es war inzwischen eine Minute nach geplanter Abfahrt des Zuges (der Zug kam zwei Minuten nach Plan am Bahnhof an, die Verzögerung hatte also nichts mit mir zu tun. Eskalieren lassen wollte ich die Situation nicht. Unter Protest haben ich, mein Fahrrad und meine zum bequemeren und schnelleren Einstieg vom Fahrrad abgemachten vier Ortlieb-Taschen den Zug verlassen.

Zufällig hatte ich zwei Freunde am Bahnsteig getroffen, die Zeugen der Situation wurden. Sie bestätigten mir, dass ich nicht unfreundlich war, dass das Rad nicht im Weg stand und dass der Schaffner von Anfang an an keiner Lösung interessiert war. Der brauchte offenbar seinen kleinen Diktatorenmoment.

Am Bahnhof Lichtenberg gibt es seit Jahresbeginn kein Reisezentrum mehr. Also musste ich zurück nach Friedrichshain zum Ostbahnhof fahren.

Dort wollte ich meine nicht benutzte Fahrkarte nach Warschau umtauschen in eine für den nächsten Morgen.

Das geht nicht. Die hat Zugbindung.

Ich war ja sogar im Zug. Ich durfte nicht mitfahren.

Der Kollege muss Vorschriften einhalten. Sie hatten keine Reservierung für das Rad.

Aber die Reservierung ist online nicht möglich.

Dann müssen Sie eben hierher kommen und die Reservierung für Ihr Rad am Schalter kaufen.

Das ist doch absurd. Warum kaufe ich meine Fahrkarte online?

Weil Sie es von zu Hause aus machen können.

Genau. Und dann soll ich für die Fahrradreservierung hierher kommen? Das kostet mich mindestens eine Stunde.

Ja. Das müssen Sie dann tun.

Ich hatte schon einmal eine Reservierung, trotzdem hatte der Zug kein Fahrradabteil. Da ist doch kein System zu erkennen.

Schulterzucken.

Ich bekomme meine Fahrkarte also nicht erstattet?

Nein.

Ich hab dann eine neue Fahrkarte gekauft. Und eine Reservierung fürs Fahrrad. Für Sonntagmorgen.

Immerhin bekam ich die Fahrkarte, die ich für mein Rad am Schalter in Lichtenberg gekauft hatte, erstattet. Aber auch da gab es ein kleines Wortgefecht.

Was haben Sie denn da für ein Fahrradkarte? Die ist ja völlig falsch! Das ist ja eine Tageskarte für den Regionalverkehr.

Eine Fahrradkarte für den Fernverkehr kann man am Automaten nicht kaufen. Die kostet im Zug mit BahnCard 6 Euro, die Tageskarte für den Regionalverkehr ist die teuerste am Automaten. Die kostet 5,50 Euro.

Das ist doch Quatsch, was Sie da gekauft haben.

Die Bahn bietet mir die Fahrkarte, die ich brauche, nicht an. Weder online, noch am Automaten. Am Automaten gibt es Tagestickets für NRW, für Bayern, sogar für die ÖBB. Hier in Berlin. Total sinnvoll. ÖBB-Fahrradkarte in Berlin. Aber keine für den Fernverkehr.

Das stimmt nicht.

Ist mir jetzt egal, können Sie mir wenigstens die verrechnen?

Ja, kann ich.

Immerhin.

Drei Minuten später hatte ich meine am Schalter ausgedruckten fünf DINA-4-Blätter in der Hand. Fahrkarte für mich. Fahrkarte fürs Fahrrad. Reservierung fürs Fahrrad. Bestätigung über die Zahlung der Fahrradkarte. Bestätigung der Zahlung der Gesamtsumme. Totaler bürokratischer Irrsinn.

Noch eine Minute später probiere ich am Automaten im Reisezentrum – genau gegenüber vom Schalter mit den Leuten der Deutschen Bahn – noch einmal aus, ob sich nicht doch irgendwo die Fahrradkarte für den Fernverkehr versteckt. Tut sie nicht. Ich bitte die Dame, mit mir an den Automaten zu kommen (das Reisezentrum war total leer), sie klickt sich selbst durch die Menüs und muss dann kleinlaut feststellen:

Sie haben recht, das geht nicht. Was soll denn das ÖBB-Ticket hier? Das brauch doch kein Mensch. Und Bayern? Das ist ja blöd.

Meine Rede. Danke. Schönen Abend.