18. März 2015, 18.45 Uhr

»Heute früh träumte ich sehr merkwürdig. Ich kehrte in eine Stadt zurück, die Landberg sein sollte, die ich aber überhaupt nicht kannte. Leider weiß ich nur noch Bruchstücke von dem Traum, dessen Atmosphäre seltsam war: Sehr klar und zugleich fantastisch, ich wunderte mich selbst, wie ich dahin kam und wie alles so selbstverständlich ablief. Ein Mädchen spielte eine Rolle, das dauernd in unserem Zimmer auftauchte, in einem türkisgrünen Kleid, und Wasser, das die Warthe sein sollte. Ich war zuletzt in einem großen Saal, vor mir lange, gerade Stuhlreihen, alles voller Menschen. Ich saß an einem einfachen viereckigen Holztisch und sollte lesen (irgendwie hatte das Publikum etwas mit einer halbmilitärischen Organisation zu tun, war aber mir freundlich gesinnt). Ich hatte ein kleines Büchlein, auf gutem, dicken Papier in schönem großen Schriftgrad gedruckt. In polnischer Sprache. Daraus sollte ich lesen. Ich hatte es geschrieben, ich wunderte mich ein bisschen, aber absurd kam mir das Ganze nicht vor. Ich wusste, dass ich in dieser Stadt und unter diesen Menschen leben würde.«

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Zitat und Foto aus: Christa Wolf, Ein Tag im Jahr, 1960–2000; Kapitel »1967«; © Luchterhand 2003