24. September 2014, 20.15 Uhr

Seit über einer Stunde hänge ich am Hauptbahnhof in Nürnberg fest. Ich hatte mich gestern Abend kurz vor dem Schlafengehen um zwei Uhr dann doch dazu entschlossen, die zwar deutlich teurere, aber auch bedeutend komfortablere Verbindung nach Schwäbisch Hall mit nur einmaligem Umstieg, dafür aber eben mit fast zweistündigem Aufenthalt in Nürnberg zu nehmen.

Intercity bis Nürnberg, Rest mit dem Regional-Express. Oder ist das sogar nur eine Regionalbahn?

Die Regionalzüge zwischen Stuttgart und Nürnberg fahren jedenfalls nur alle zwei Stunden, den Zug davor bekam ich (auch laut Fahrplan) knapp nicht.

Der Nürnberger Bahnhof ist kein Ort, an dem man sich gerne lange aufhält. Im Bahnhofsgebäude gibt es zwar ganz viele Läden, aber so gut wie keine Sitzmöglichkeiten. Auf dem Bahnsteig vergrätzen einem die vielen Dieseltreibzüge mit ihrem Lärm und ihrem Gestank den Aufenthalt.

Mein Zug nach Schwäbisch Hall steht schon seit halb acht am Gleis. Ich sitze als einziger Fahrgast, soweit ich das überblicken kann, im Zug.

Gerade kommt ein Mädel rein. Vielleicht zwanzig Jahre alt, gepiercte Unterlippe, ein bisschen angepunkt, aber nicht abgerissen. Erzählt mir im breitesten Stuttgarter Schwäbisch etwas von einer geplatzten Mitfahrgelegenheit, dem letzten Zug heute nach Stuttgart und fehlenden sieben Euro für eine Fahrkarte nach Stuttgart.

Ich guck sie an. »Und du denkst, du erzählst mir jetzt eine herzergreifende Geschichte und bekommst dann sieben Euro von mir?« Sie flennt fast los. »Weißt du was, mir ist zufällig erst vor ein paar Tagen eine Geschichte eingefallen, die mir vor etwa zwanzig Jahren am Hauptbahnhof in Amsterdam passiert ist. Da kam einer an, ein Deutscher, erzählte mir auch irgendeine Geschichte von Geld, das fehlt und Ticket nach Hause und dass ich, wenn ich ihm etwas leihen könnte, das Geld auf alle Fälle wieder bekäme. Rate mal, ob ich die 50 D-Mark von damals je wieder gesehen habe?« Jetzt heult sie wirklich gleich.

Ich hab ihr die sieben Euro gegeben. Und gesagt, dass ich sie gleich im Zug nach Stuttgart sehen will.

Jetzt sind 15 Minuten rum. Sie ist noch nicht wieder eingestiegen. Aber immerhin hatte sie tatsächlich einen 5-Euro-Schein in der Hand (den ich jetzt habe, ich gab ihr zwölf Euro und nahm die fünf als Wechselgeld und sie hatte die letzten Zugverbindungen nach Stuttgart ausgdruckt in den Fingern.)

Naja, ich bin es selbst schuld. Hoffentlich ist der Schuss Heroin gut, den sie sich jetzt leisten kann.