7. Juli 2013

Masuren scheine ich verlassen zu haben. Die historische Gegend Masuren. Mit ihren vielen Seen. Zumindest bin ich jetzt am äußeren nordwestlichen masurischen Rand meiner Tour angelangt. Unterwegs sah ich die letzte halbe Stunde kaum noch Wasser, wo sonst ein See am anderen liegt.

18.40 Uhr. Mal wieder ein paar (sanierte) polnische Plattenbauten. Am Ortseingang von Rastenburg (Kętrzyn):

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18.41 Uhr. Für Adam:

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Kleiner Scherz unter Freunden. Hintergrund: am 1. Juli 2013 wurde in Polen offiziell auch Mülltrennung eingeführt. Adam bat mich vor fünf Tagen, als ich in Warschau mit dem Fahrrad unterwegs war, in seiner auch für ihn neuen Nachbarschaft nach Papiercontainern Ausschau zu halten, damit er seine leeren Umzugskartons dorthin bringen kann. In Warschau sah ich keinen einzigen. Diese Recyclingcontainerbatterie ist die erste, die mir auf meiner fünftägigen Tour auffällt.

18.51 Uhr. Fleißige Kirchgänger verlassen die Katharinenkirche (Pośrodku kościół Św. Katarzyny) in der Innenstadt:

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18.55 Uhr. Im kleinen Park vor dem Rastenburger Rathaus:

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Warschau: 250 km
Berlin: 600 km
Wesel (Partnerstadt Rastenburgs): 1.250 km
Königsberg (Калинингра́д): 120 km

18.56 Uhr:

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19.26 Uhr. Noch immer etwas ermattetes Abhängen im kleinen Park vor dem Rathaus, neben der Katharinenkirche:

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19.53 Uhr. Blick über den Oberteich (Jezioro Górne):

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Mir im Rücken soll sich laut meinem Radatlas und auch Google Maps ein Campingplatz befinden.

Tut er aber nicht. Stattdessen steht dort ein neu errichtetes Sportzentrum mit Sporthalle und Freibad. Im Hotel Koch (***) nebenan erzählt man mir, dass der Campingplatz tatsächlich nicht mehr existiert, der nächste befinde sich etwa zehn Kilometer westlich von Rastenburg (Kętrzyn).

Leichte Panik steigt in mir auf. Es ist fast acht Uhr am Abend, es wird bald dunkel, ich will nicht durch die Nacht irren. Aber es hilft nichts. Notfalls wird heute Nacht das erste Mal wild gezeltet.

Im Hotel überreicht mir der Mensch am Empfangstresen eine Landkarte des Hotels. Alle Ortsnamen sind zweisprachig. Polnisch und Deutsch. Die Wolfsschanze ist als Attraktion eingezeichnet. Ich finde es schon wieder ganz gruselig.

Nach etwa zwei Kilometern Fahrt aus der Stadt raus, gegen Viertel nach acht, kommt ein Schild. Nächster Abzweig nach links, nach drei Kilometern soll ein Zeltplatz sein. Das ist die Straße nach Görlitz (Gierłoż). Der Ort in unmittelbarer Nähe der Wolfsschanze. Da wollte ich gar nicht hin. Aber ich will jetzt keine zehn Kilometer mehr fahren müssen.

Irgendwie verfolgt mich dieser verfluchte Hitler.

20.21 Uhr. Lagerhaus an der Bahnstrecke nach Görlitz (Gierłoż):

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21.27 Uhr. Mein Zelt steht. In Schwarzstein (Czerniki). Am Horizont geht die Sonne unter. Wenn ich es recht überblicke, wütete zwei Kilometer Luftlinie in diese Blickrichtung dieses Monster Hitler:

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Mich schüttelt es immer wieder vor Grusel, vor Abscheu, vor Unverständnis.

Der Campingplatz ist wieder nur die große Wiese neben einem Privathaus. Ich bin abermals der einzige Gast.

Neben dem Zelt wartet ein Storch darauf, dass ich verschwinde. Vermutlich will er im Gartenteich nach Fröschen jagen. Mich macht diese Kombination von menschlichem Abgrund und Naturschönheit ganz fertig.