7. Juli 2013

15.26 Uhr. Lust auf einen alten ostpreußischen Hof in Rehstall (Stachowizna)?

2013-07-07-1526.jpg

15.29 Uhr. Das Herrenhaus mit Hof (Dwór = Hof) aus dem 19. Jahrhundert kann man kaufen:

2013-07-07-1529.jpg

15.30 Uhr:

2013-07-07-1530.jpg

15.34 Uhr. Im Nachbardorf Bäslack (Bezławki):

2013-07-07-1534.jpg

15.40 Uhr. Blick nach links zurück aufs Dorf:

2013-07-07-1540a.jpg

Blick nach rechts:

2013-07-07-1540b.jpg

15.54 Uhr. Und dann taucht völlig unvermittelt, nach einer kurvigen und ziemlich hügeligen Fahrt durch den Wald, auf einmal die Basilika von Heiligelinde (Święta Lipke) auf:

2013-07-07-1554.jpg

Dass dort eine bedeutende Kirche steht, wusste ich. Daher auch ein nicht unerheblicher Umweg. Vermutet hatte ich allerdings einen größeren Ort. Wikipedia verrät mir, dass der Ort nur 173 Einwohner hat. Die Barockkirche, die so auch in Bayern stehen könnte, ist offenbar eine der wichtigsten Wallfahrtsorte Polens.

15.56 Uhr:

2013-07-07-1556.jpg

16.03 Uhr:

2013-07-07-1603.jpg

16.06 Uhr. Prächtiges Deckengemälde:

2013-07-07-1606a.jpg

Orgel von Johann Josua Mosengel:

2013-07-07-1606b.jpg

16.22 Uhr. Deckengemälde in einer der Kreuzgangkuppeln:

2013-07-07-1622a.jpg

2013-07-07-1622b.jpg

17.23 Uhr. Ich fühle mich etwas schlapp und kraftlos. Zucker und Koffein sollten helfen:

2013-07-07-1723.jpg

Kurz danach spricht mich ein älterer, etwa 70- bis 80-jähriger Geistlicher an. Zuerst auf Polnisch, dann auf Deutsch. Woher ich denn mit meinem Fahrrad komme und wohin mich meine Reise führe. Er beginnt sofort einen Vortrag über die Kirche, das Kloster, die nahe Konfessionsgrenze zwischen dem katholischen Ermland und dem (ehemals) protestantischen Masuren. Ich hatte wirklich erst zwanzig Minuten zuvor darüber gelesen, ich ließ ihn aber reden. Ich war fasziniert von seinem sehr guten und extrem gewählten Deutsch, ich vermutete, dass er es studiert haben musste und dachte auch, dass er – obwohl er auf mich im Moment sehr sympathisch wirkte – unter Umständen auf Dauer extrem anstrengend sein könnte mit seinen wissenschaftlichen Monologen. Er schaffte es tatsächlich, innerhalb von zehn Minuten die Geschichte der Region der letzten 800 Jahre abzureißen. Einschließlich der Prußen, der Deutschen, der Russen. Aber die Begegnung war mir auf keinen Fall unangenehm. Zum Schluss wünschte er mir noch eine gute Reise, ich fragte, ob er hier lebe, ja, tut er, woher er so exzellent Deutsch spreche, keine Antwort, noch einmal ein kurzer Monolog seinerseits über die kirchliche Anlage, ich nicke freundlich, sage, dass ich die letzte Stunde schon viel darüber gelesen habe und frage noch einmal, wo er sein gutes Deutsch gelernt hat, er – schon im Gehen – im Krieg, da mussten wir alle Deutsch sprechen. Mir bleibt gerade noch zu sagen, dass es mir Leid tut, dass er unter diesen Umständen Deutsch lernen musste, dass es aber wirklich ganz exzellent sei. Er geht lächelnd und hebt die Hand zum Abschiedsgruß.

Das Thema Zweiter Weltkrieg und all das, was hier in der Gegend an Scheußlichkeiten, an Verbrechen begangen wurde, geht mir schon seit zwei Tagen durch den Kopf. Ich fahre auf Straßen, von denen ich mir vorstelle, dass dort vor fast siebzig Jahren Elendstrecks gen Westen zogen. Ich fahre vorbei an Felder, die mit Blut aus zwei Weltkriegen getränkt sind, ich fahre durch Wälder, in denen polnische und russische Zwangsarbeiter verhungert sind. Alles so schrecklich. Und doch so wunderschöne Natur.

Hitler begegnet mir auch immer wieder. Bei jedem Einkauf in einem Dorfladen (das sind wirklich noch so Tante-Emma-Läden, mit einer Person – meist einer Frau – hinter der Ladentheke, der man seine Wünsche mitteilen muss, und dann wuselt sie zu den Regalen, steigt vielleicht auch mal eine Leiter hinauf und reicht einem das Gewünschte) werde ich angesprochen. Woher? Wohin? Ich bewege mich die letzten zwei Tage tatsächlich, ohne, dass das mein eigentliches Ziel wäre, Richtung Wolfsschanze. Und jede/r weißt mich darauf hin. Fast schon gruselig.