Archive for Juli 7th, 2013

Abschaum, Ausflüge

Nachdenken über Adolf H.

7. Juli 2013, 22 Uhr

Es verblüfft mich, wie nah mir gefühlsmäßig diese geografische Nähe des Schreckens geht. Zwischenzeitlich habe ich herausgefunden, dass Adolf H. nicht westlich meines Schlafplatzes, sondern drei Kilometer östlich davon gewütet hat.

Mir schwirrten auf der Fahrt hierher Bilder von der Wolfsschanze durch den Kopf. Betontrümmer im Wald. Graf von Stauffenberg. Der Bendlerblock in Berlin. Fotos der beim Attentat vom 20. Juli 1944 zerstörten Baracken im Wald. Vor allem aber Bilder, wie Hitler am Nachmittag des leider missglückten Attentats Mussoli am Bahnhof Görlitz (heute Gierłoż) empfängt:

hitler_mussoline_wolfsschanz.jpg

Quelle: trains-worldexpress.com

hitler_mussoline_wolfsschanz.jpg

Quelle: FFP – tut mir Leid für die Quelle, ich weiß, dass David Irving ein ganz übler Antisemit und Holocaustleugner ist.

Ich schrieb ja schon, dass Adolf Hitler die letzten Tage für mich wieder sehr präsent ist. Immer wieder kreisen meine Gedanken darum, wie ein einziger Mensch so unermesslich viel Unmenschlichkeit produzieren kann.

Unterdrückung, Inhaftierung und Mord Andersdenkender. »Unterwerfung« von »Untermenschen«. Millionenfacher Mord aus Rassenwahn. Wie kommt man auf solche »Ideen«? Vor allem aber: wie kann man solche Untaten umsetzen? Warum hat das vor nun bald achtzig Jahren so gut funktioniert? Warum hatte Hitler so viele Vollstrecker? Warum hat sich nicht die Elite des Landes dagegen aufgelehnt?

Wie tickt so ein Gehirn? Wie viel Unzufriedenheit, wie wenig Selbstliebe, wie viel Selbsthass muss ein Mensch in sich tragen, damit er zu solchen Gräueltaten fähig wird? Ganz im Ernst: wie klein war Adolf Hitlers Penis?

Ich weiß, ich bin nicht der erste Mensch, der sich darum Gedanken macht. Hannah Arendt nannte es so treffend die »Banalität des Bösen«.

Ich verstehe es einfach nicht.

Und nun bin ich ganz in »seiner« Nähe gelandet. Ich bin gespannt auf meine Nacht.

Ausdauer, Ausflüge

Tag 6

7. Juli 2013, 21.30 Uhr

Reuschendorf (Ruska Wieś)Schwarzstein (Czerniki):

Bike route 2.219.946 – powered by www.bikemap.net

Gefahrene km: 39,96. Fahrzeit: 2 Std. 27 Min. Vmax: 37,62 km/h, Vmix: 16,28 km/h. Verbrannte Kalorien (laut iTrail): 1.192.

Architektur, Ausdauer, Ausflüge

Ostpreußische Fundstücke

7. Juli 2013

Masuren scheine ich verlassen zu haben. Die historische Gegend Masuren. Mit ihren vielen Seen. Zumindest bin ich jetzt am äußeren nordwestlichen masurischen Rand meiner Tour angelangt. Unterwegs sah ich die letzte halbe Stunde kaum noch Wasser, wo sonst ein See am anderen liegt.

18.40 Uhr. Mal wieder ein paar (sanierte) polnische Plattenbauten. Am Ortseingang von Rastenburg (Kętrzyn):

2013-07-07-1840.jpg

18.41 Uhr. Für Adam:

2013-07-07-1841.jpg

Kleiner Scherz unter Freunden. Hintergrund: am 1. Juli 2013 wurde in Polen offiziell auch Mülltrennung eingeführt. Adam bat mich vor fünf Tagen, als ich in Warschau mit dem Fahrrad unterwegs war, in seiner auch für ihn neuen Nachbarschaft nach Papiercontainern Ausschau zu halten, damit er seine leeren Umzugskartons dorthin bringen kann. In Warschau sah ich keinen einzigen. Diese Recyclingcontainerbatterie ist die erste, die mir auf meiner fünftägigen Tour auffällt.

18.51 Uhr. Fleißige Kirchgänger verlassen die Katharinenkirche (Pośrodku kościół Św. Katarzyny) in der Innenstadt:

2013-07-07-1851.jpg

18.55 Uhr. Im kleinen Park vor dem Rastenburger Rathaus:

2013-07-07-1855.jpg

Warschau: 250 km
Berlin: 600 km
Wesel (Partnerstadt Rastenburgs): 1.250 km
Königsberg (Калинингра́д): 120 km

18.56 Uhr:

2013-07-07-1856.jpg

19.26 Uhr. Noch immer etwas ermattetes Abhängen im kleinen Park vor dem Rathaus, neben der Katharinenkirche:

2013-07-07-1926.jpg

19.53 Uhr. Blick über den Oberteich (Jezioro Górne):

2013-07-07-1953.jpg

Mir im Rücken soll sich laut meinem Radatlas und auch Google Maps ein Campingplatz befinden.

Tut er aber nicht. Stattdessen steht dort ein neu errichtetes Sportzentrum mit Sporthalle und Freibad. Im Hotel Koch (***) nebenan erzählt man mir, dass der Campingplatz tatsächlich nicht mehr existiert, der nächste befinde sich etwa zehn Kilometer westlich von Rastenburg (Kętrzyn).

Leichte Panik steigt in mir auf. Es ist fast acht Uhr am Abend, es wird bald dunkel, ich will nicht durch die Nacht irren. Aber es hilft nichts. Notfalls wird heute Nacht das erste Mal wild gezeltet.

Im Hotel überreicht mir der Mensch am Empfangstresen eine Landkarte des Hotels. Alle Ortsnamen sind zweisprachig. Polnisch und Deutsch. Die Wolfsschanze ist als Attraktion eingezeichnet. Ich finde es schon wieder ganz gruselig.

Nach etwa zwei Kilometern Fahrt aus der Stadt raus, gegen Viertel nach acht, kommt ein Schild. Nächster Abzweig nach links, nach drei Kilometern soll ein Zeltplatz sein. Das ist die Straße nach Görlitz (Gierłoż). Der Ort in unmittelbarer Nähe der Wolfsschanze. Da wollte ich gar nicht hin. Aber ich will jetzt keine zehn Kilometer mehr fahren müssen.

Irgendwie verfolgt mich dieser verfluchte Hitler.

20.21 Uhr. Lagerhaus an der Bahnstrecke nach Görlitz (Gierłoż):

2013-07-07-2021.jpg

21.27 Uhr. Mein Zelt steht. In Schwarzstein (Czerniki). Am Horizont geht die Sonne unter. Wenn ich es recht überblicke, wütete zwei Kilometer Luftlinie in diese Blickrichtung dieses Monster Hitler:

2013-07-07-2137.jpg

Mich schüttelt es immer wieder vor Grusel, vor Abscheu, vor Unverständnis.

Der Campingplatz ist wieder nur die große Wiese neben einem Privathaus. Ich bin abermals der einzige Gast.

Neben dem Zelt wartet ein Storch darauf, dass ich verschwinde. Vermutlich will er im Gartenteich nach Fröschen jagen. Mich macht diese Kombination von menschlichem Abgrund und Naturschönheit ganz fertig.

Ausdauer, Ausflüge

jest 18:17

7. Juli 2013, 18.17 Uhr

2013-07-07-1817.jpg

Architektur, Ausdauer, Ausflüge

Ostpreußische Fundstücke

7. Juli 2013

15.26 Uhr. Lust auf einen alten ostpreußischen Hof in Rehstall (Stachowizna)?

2013-07-07-1526.jpg

15.29 Uhr. Das Herrenhaus mit Hof (Dwór = Hof) aus dem 19. Jahrhundert kann man kaufen:

2013-07-07-1529.jpg

15.30 Uhr:

2013-07-07-1530.jpg

15.34 Uhr. Im Nachbardorf Bäslack (Bezławki):

2013-07-07-1534.jpg

15.40 Uhr. Blick nach links zurück aufs Dorf:

2013-07-07-1540a.jpg

Blick nach rechts:

2013-07-07-1540b.jpg

15.54 Uhr. Und dann taucht völlig unvermittelt, nach einer kurvigen und ziemlich hügeligen Fahrt durch den Wald, auf einmal die Basilika von Heiligelinde (Święta Lipke) auf:

2013-07-07-1554.jpg

Dass dort eine bedeutende Kirche steht, wusste ich. Daher auch ein nicht unerheblicher Umweg. Vermutet hatte ich allerdings einen größeren Ort. Wikipedia verrät mir, dass der Ort nur 173 Einwohner hat. Die Barockkirche, die so auch in Bayern stehen könnte, ist offenbar eine der wichtigsten Wallfahrtsorte Polens.

15.56 Uhr:

2013-07-07-1556.jpg

16.03 Uhr:

2013-07-07-1603.jpg

16.06 Uhr. Prächtiges Deckengemälde:

2013-07-07-1606a.jpg

Orgel von Johann Josua Mosengel:

2013-07-07-1606b.jpg

16.22 Uhr. Deckengemälde in einer der Kreuzgangkuppeln:

2013-07-07-1622a.jpg

2013-07-07-1622b.jpg

17.23 Uhr. Ich fühle mich etwas schlapp und kraftlos. Zucker und Koffein sollten helfen:

2013-07-07-1723.jpg

Kurz danach spricht mich ein älterer, etwa 70- bis 80-jähriger Geistlicher an. Zuerst auf Polnisch, dann auf Deutsch. Woher ich denn mit meinem Fahrrad komme und wohin mich meine Reise führe. Er beginnt sofort einen Vortrag über die Kirche, das Kloster, die nahe Konfessionsgrenze zwischen dem katholischen Ermland und dem (ehemals) protestantischen Masuren. Ich hatte wirklich erst zwanzig Minuten zuvor darüber gelesen, ich ließ ihn aber reden. Ich war fasziniert von seinem sehr guten und extrem gewählten Deutsch, ich vermutete, dass er es studiert haben musste und dachte auch, dass er – obwohl er auf mich im Moment sehr sympathisch wirkte – unter Umständen auf Dauer extrem anstrengend sein könnte mit seinen wissenschaftlichen Monologen. Er schaffte es tatsächlich, innerhalb von zehn Minuten die Geschichte der Region der letzten 800 Jahre abzureißen. Einschließlich der Prußen, der Deutschen, der Russen. Aber die Begegnung war mir auf keinen Fall unangenehm. Zum Schluss wünschte er mir noch eine gute Reise, ich fragte, ob er hier lebe, ja, tut er, woher er so exzellent Deutsch spreche, keine Antwort, noch einmal ein kurzer Monolog seinerseits über die kirchliche Anlage, ich nicke freundlich, sage, dass ich die letzte Stunde schon viel darüber gelesen habe und frage noch einmal, wo er sein gutes Deutsch gelernt hat, er – schon im Gehen – im Krieg, da mussten wir alle Deutsch sprechen. Mir bleibt gerade noch zu sagen, dass es mir Leid tut, dass er unter diesen Umständen Deutsch lernen musste, dass es aber wirklich ganz exzellent sei. Er geht lächelnd und hebt die Hand zum Abschiedsgruß.

Das Thema Zweiter Weltkrieg und all das, was hier in der Gegend an Scheußlichkeiten, an Verbrechen begangen wurde, geht mir schon seit zwei Tagen durch den Kopf. Ich fahre auf Straßen, von denen ich mir vorstelle, dass dort vor fast siebzig Jahren Elendstrecks gen Westen zogen. Ich fahre vorbei an Felder, die mit Blut aus zwei Weltkriegen getränkt sind, ich fahre durch Wälder, in denen polnische und russische Zwangsarbeiter verhungert sind. Alles so schrecklich. Und doch so wunderschöne Natur.

Hitler begegnet mir auch immer wieder. Bei jedem Einkauf in einem Dorfladen (das sind wirklich noch so Tante-Emma-Läden, mit einer Person – meist einer Frau – hinter der Ladentheke, der man seine Wünsche mitteilen muss, und dann wuselt sie zu den Regalen, steigt vielleicht auch mal eine Leiter hinauf und reicht einem das Gewünschte) werde ich angesprochen. Woher? Wohin? Ich bewege mich die letzten zwei Tage tatsächlich, ohne, dass das mein eigentliches Ziel wäre, Richtung Wolfsschanze. Und jede/r weißt mich darauf hin. Fast schon gruselig.

Abschied, Ausflüge

Abschiedskomitee

7. Juli 2013

Nach einem wieder etwas trägen Morgen mit ausgiebigem Bad im Salentsee (Jezioro Salęt Mały), Frühstück auf einer Schaukelbank mit Blick übern See, breche ich gegen 14 Uhr auf.

14.22 Uhr. Abschiedsgeklapper des Hofstorchenpaares:

2013-07-07-1422.jpg

14.23 Uhr. Die Hofkatze zeigt sich auch noch einmal, wenn auch nur, um die Reste eines Fisches zu vertilgen:

2013-07-07-1423.jpg

Ausblicke, Ausflüge

Dzień dobry Mazury

7. Juli 2013, 8.22 Uhr

2013-07-07-0822.jpg

(Wach von ½ 6 bis ½ 7, dann aber noch einmal eingeschlafen.)