29. Oktober 2012, 8.20 Uhr

Lasst mich eine kleine Geschichte erzählen.

Jede/r meiner LeserInnen weiß, dass ich gerne mit der Bahn fahre. Meist zumindest. Man kann entspannen, man kann ein bisschen arbeiten. Man kann schlafen. Richtig gut in einem osteuropäischen Schlafwagen, wie ich es schon mehrmals tat. Leidlich gut in einem ollen InterCity, wie ich es heute Nacht tat. Aber grundsätzlich finde ich die Bahn gut. Bis eben. Was ist passiert?

Ich habe gestern gegen Mittag online mein Zugticket von Berlin nach Karlsruhe gebucht. Natürlich habe ich schon bei der Suche nach Verbindungen die Option »Fahrradmitnahme« angeklickt. Wenn man dann ein Ticket bucht, bekommt man automatisch die Fahrradkarte mitgebucht. Gestern Mittag ging das nicht. Leider habe ich von der Meldung, die ich von Buchungsseite der Deutschen Bahn bekam, keinen Screenshot gemacht. Es gab eine Meldung à la »Die Buchung der Fahrradkarte ist nicht möglich. Buchung ohne Fahrradkarte fortsetzen oder abbrechen?«. Ich setzte fort und dachte, nicht schlimm, dann ziehe ich mir eben die Fahrradkarte am Bahnhof am Automaten oder hole sie mir am Schalter.

Mein gewünschter Zug wäre um halb vier am Nachmittag gefahren. Gegen zwei Uhr nachmittags merkte ich, dass mir die Zeit für ein paar Dinge, die ich zu Hause am Schreibtisch noch zu erledigen hatte, knapp wurde. Ich schaute nach, ob es noch spätere Züge gibt. Dabei entdeckte ich den von mir dann genommenen Zug um Mitternacht. Mein Ticket (82 Euro teuer) ist ohne Zugbindung, ich konnte also auch einen späteren Zug auf gleicher Strecke nehmen.

Gegen drei Uhr nachmittags buchte ich online eine neue Sitzplatzreservierung für den Zug um Mitternacht. Dabei versuchte ich noch einmal, dem Buchungssystem der Bahn eine Fahrradkarte zu entlocken. Ohne Erfolg.

Am Hauptbahnhof in Berlin war ich gegen halb zwölf. Genug Zeit, um mich um die Fahrradkarte zu kümmern. Das Reisezentrum dort hatte geschlossen. Also an den Automaten.

Dort dieses Ergebnis:

2012-10-28-2341.jpg

2012-10-28-2342.jpg

Wie man sieht, sind die Fotos von Sonntag Nacht, 23.42 Uhr. Ich machte sie in der Absicht, die Deutsche Bahn auf ein kleines Problem in ihren Fahrkartenautomaten hinzuweisen.

Es ist nämlich nicht möglich, dort eine Fahrradkarte für den Fernverkehr zu kaufen. Die Fahrradkarte für den Fernverkehr kostet sechs Euro für BahnCard-Besitzer. Was dort angeboten wird, sind Fahrradkarten für den Nahverkehr in Berlin und Brandenburg für vier fünf Euro. Oder Tagestickets für Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen. Oder in Bayern. Sehr stimmig. In Berlin. Naja, ich dachte, mehr kann ich jetzt auch nicht tun.

Ich bestieg den Zug ohne Fahrradkarte. Mein gebuchter Sitzplatz befand sich in Wagen 9 des Zuges. Das Fahrradabteil in Wagen 6. Ich nahm meinen Platz ein und schlief ziemlich schnell ein. Und vergaß das fehlende Ticket für mein Fahrrad schlichtweg.

Um viertel vor sieben heute Morgen kam mein Zug mit etwa zehn Minuten Verspätung um 6.53 Uhr in Frankfurt an. Trotzdem kein Drama, mein Anschlusszug für die Fahrt nach Karlsruhe sollte laut Plan um 7.14 Uhr gehen.

Dieser Zug fuhr dann tatsächlich mit genau 29 Minuten Verspätung los. Auch kein Drama.

Das Drama kam dann in Form eines übereifrigen Schaffners, pardon, Zugbegleiters.

Ihre Fahrkarte bitte. Ist das Ihr Fahrrad?

Nun sitze ich direkt neben meinem Fahrrad, nur durch eine Glasscheibe vom Fahrradabteil des Zuges getrennt.

Ja.

Ich reiche dem Zugbegleiter mein ausgedrucktes Onlineticket und meine BahnCard.

Wo haben Sie die Fahrradkarte dafür?

Ich habe keine. Mir war es nicht möglich, eine zu kaufen.

Warum nicht?

Ich wollte sie direkt beim Online-Kauf mitbuchen, das ging nicht.

Das geht aber.

Das ging nicht.

Das geht immer, sie müssen den Haken bei »Fahrradmitnahme« setzen.

Das weiß ich, ich fahre nicht das erste Mal mit dem Rad Bahn. Es ging gestern nicht. Es gab irgendeine Fehlermeldung, ich wollte dann die Fahrradkarte am Bahnhof besorgen. Das ging auch nicht. Der Schalter war bereits geschlossen, am Automaten gab es keine Fahrradkarte für den Fernverkehr.

Doch, die gibt es.

Nein, die gibt es nicht. Jedenfalls nicht in Berlin an zwei Automaten.

Ich krame mein iPhone raus, zeige ihm die zwei Fotos mit den Suchergebnissen des Fahrkartenautomaten in Berlin.

Das sind ja alles die falschen Tickets. Nur für den Nahverkehr.

Ach nee. Was sagte ich Ihnen gerade? Es ging nicht.

Doch, dann hätten Sie ein anderes Menü auswählen müssen.

Ich habe ungefähr drei Dutzend Menüs angewählt. Da gab es nirgendwo eine Fahrradkarte für den Fernverkehr. Sie können mir glauben, ich bin nicht doof und kann solche Geräte in der Regel bedienen. Und das, was Sie auf den Fotos sehen, sind die Ergebnisse, wenn man »Fahrrad« als Suchbegriff in dem Automaten eingibt. Es gibt dort keine Fahrradkarte für den Fernverkehr. Kann ich die nicht einfach jetzt bei Ihnen lösen?

Warum haben Sie die nicht am Schalter in Frankfurt gekauft?

Weil ich laut Plan und verspäteter Ankunft in Frankfurt eine Viertelstunde Zeit zum Umsteigen hatte und in Frankfurt am Bahnhof morgens um sieben Uhr die Hölle los ist.

Sie sind also ohne gültiges Ticket in den Zug gestiegen.

Wieso bin ich ohne gültiges Ticket in den Zug gestiegen? Sie halten doch mein Ticket in der Hand.

Aber nicht für Ihr Fahrrad.

Kann ich jetzt ein Ticket bei Ihnen lösen oder nicht?

Ja, können Sie. Sechs Euro bitte.

Ich reiche ihm meine ec-Karte.

EC-Karten gehen nicht. Haben Sie’s nicht bar?

Ich habe noch drei oder fünf Euro bar bei mir.

Ich krame nach Bargeld. Es sind knapp unter, aber eben keine sechs Euro. Die zeige ich ihm.

Nee, tut mir Leid. Keine sechs Euro in bar.

Jetzt haben Sie ein Problem.

Wieso habe ich ein Problem? Die Deutsche Bahn hat ein Problem. Ich habe in den letzten zwölf Stunden an vier Stellen versucht, eine passende Fahrradkarte zu kaufen. Im Internet, am Schalter, am Automaten und jetzt bei Ihnen. Alles geht nicht. Und das soll nun mein Problem sein? Kann ich nicht in Karlsruhe am Bahnhof an den Schalter gehen und eine Fahrradkarte nachlösen?

Nein, das geht nicht.

Dann geben Sie mir irgendein Papier und ich überweise der Deutschen Bahn die sechs Euro.

Das geht auch nicht.

Äh. Und jetzt? Drücken Sie jetzt einfach ein Auge zu oder schmeißen Sie mich am nächsten Bahnhof raus?

Haben Sie Ihren Personalausweis dabei?

Ja.

Kann ich den sehen?

Ja.

Er bekommt meinen Personalausweis, tippt irgendetwas in sein komisches Fahrkartenlesegerät, druckt etwas aus, vermerkt darauf handschriftlich eine Notiz und drückt es mir den Papierstreifen in die Hand:

2012-10-29-0820.jpg

Entschuldigung, was soll das jetzt? Ich habe keine Fahrradkarte für sechs Euro lösen können, weil die Bahn zu dämlich ist, mir das an vier Stellen zu ermöglichen und ich soll jetzt 70 Euro zahlen? Für was?

Sie sind ohne gültigen Fahrausweis in den Zug gestiegen, das kostet 40 Euro plus 30 Euro für die Weiterfahrt ab Darmstadt.

Sie spinnen ja. Ich habe doch hier ein Ticket. Und noch einmal: ich habe an vier Stellen versucht, ein Fahrradticket zu lösen. Im Internet, am Schalter, am Automaten, jetzt bei Ihnen. Wenn das – aus welchen Gründen auch immer – im Jahr 2012 nicht möglich ist, ohne Bargeld zu bewerkstelligen, ist das ein Problem der Bahn. Und nicht meins. Mehr kann ich nicht tun, als zu versuchen, eine Fahrkarte für mein Fahrrad zu lösen. Und noch einmal: wir reden hier über ein Ticket von sechs Euro. Und Sie wollen jetzt 70 Euro von mir?

Ja.

Ach, hauen Sie ab. Ich werde mich über Sie beschweren. So geht’s ja nicht.

Haben Sie gerade gesagt, ich solle abhauen?

Ja, ich habe jetzt keine Lust mehr auf Diskussionen mit Ihnen. Sie sind ja regelrecht besessen davon, mir hier eins reinzuwürgen. Den Rest mache ich schriftlich mit Ihrem Arbeitgeber. So geht man jedenfalls nicht mit Kunden um, was Sie hier seit fünfzehn Minuten mit mir veranstalten.