13. Dezember 2011, 21.30 Uhr

»Immer wieder bestürzt es mich, wie schnell und wie vieles man vergißt, wenn man nicht alles aufschreibt.« Schrieb Christa Wolf 1960 in ihrem ersten Eintrag am 27. September. In der ersten Notiz, die vierzig Jahre später eines meiner Lieblingsbücher werden sollte: »Ein Tag im Jahr«. Und weil dem so ist, schreibe ich nun auf, was mir die letzten Tage durch den Kopf ging. Über Christa Wolf. Die Vergänglichkeit des Lebens. Das Sterben. Das Erinnern. Das Vergessen.

Christa Wolfs Tod traf mich nicht unerwartet, aber dann doch sehr unvermittelt. Sie war über achtzig Jahre alt, nicht mehr so ganz gesund, soweit ich das wusste. Aber trotzdem hoffte ich, sie würde wie Leni Riefenstahl mindestens einhundert Jahre alt werden. Und noch an möglichst vielen 27. Septembern schreiben können.

Warum hat mich ihr Tod so berührt? Mit den letzten Jahren ist mir Frau Wolf so nah gekommen, wie kein anderer Mensch ihres Alters. Sie wurde zu einer Art Ersatzgroßmutter für mich. Obwohl ihr Geburtsjahr 1929 eher zu dem meines Vaters passt. Er kam 1928 zur Welt.

Aber der Reihe nach:

Meinen ersten Kontakt zu Christa Wolf verschaffte mir meine alte Kollegin Monika Rohloff. Mit Monika arbeite ich die ersten sieben meiner Berliner Jahre zusammen. Wir lernten uns im Sommer 1988 kennen. Im Herbst 1988 bestellte ich mein erstes Visum für eine Reise nach Polen. Ich wollte mit meiner geliebten Großmutter nach Danzig und Zoppot fahren. Damit sie mir die Orte ihrer Kindheit zeigen kann. Von denen sie mir als Kind so gerne erzählte. 1988 war das noch ein Riesenaufriss mit den Reisen nach Polen. Tiefster Ostblock. Visumzwang. Sechsstellige Złoty-Summen als Reisekasse.

Ich sprach mit Monika über die geplante Reise. Darüber, dass ich total gespannt bin auf die Orte, die unser Familienleben durch ihre Abwesenheit trotzdem geprägt hatten. Westpreußische Vertriebene, die im tiefsten Württemberg lebten. Eine Großstädterin, die meine Großmutter trotz der nur 30.000 Einwohner Zoppots ohne Frage war, eine Großstädterin, die es in ein Kuhdorf mit fremdenfeindlichen Bauern verschlagen hat. Ich sprach mit Monika darüber, dass ich mir Gedanken machte, wie diese Reise auf meine Großmutter wohl wirken würde.

Monika schlug mir vor, kauf doch deiner Oma »Kindheitsmuster« von Christa Wolf. Das Buch handelt – neben zwei anderen zeitlichen Ebenen der Erzählerin – von der Reise einer als Kind Vertriebenen in ihre nun polnische Heimatstadt im Erwachsenenalter. (Das ist eine sehr grob verkürzte Zusammenfassung dessen, was in dem Buch tatsächlich passiert.)

Christa Wolf. Hatte ich noch nie gehört. Ich kannte 1988 kein Buch von ihr. Aber auf Monika Rohloffs Rat hin kaufte ich meiner Großmutter »Kindheitsmuster«. Und las es selbst, bevor ich das Buch nach Württemberg schickte.

Ob es meine Oma damals las, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nicht, ob wir darüber sprachen. Auf unserer Fahrt nach Danzig. Die dann entgegen der ursprünglichen Planung erst drei Jahre später stattfand. Nach Polen sind wir im Herbst 1988 doch nicht gefahren. Irgendwas kam mir mit der Arbeit dazwischen. Der Ausflug in die Heimatstadt meiner Großmutter musste bis 1991 warten.

Aber ich kannte Christa Wolf nun. Und war ziemlich begeistert, als ich sie am 5. November 1989 auf dem Alexanderplatz sprechen hörte.

Mein »Ost-Tick« hatte sich in den ersten zwei Jahren in Berlin so ordentlich entwickelt, dass ich noch vor dem Mauerfall mindestens ein dutzendmal die Hauptstadt der DDR besuchte. So auch am 5. November 1989. Als dort eine Million Menschen auf die Straße gingen.

Dann kehrte ein paar Jahre Christa-Wolf-Ruhe in mein Leben. Bis ich 2005 mit Aron nach Zoppot fuhr. Er schenkte mir vor unserer Reise »Kindheitsmuster« sozusagen wieder. Ich las es im Zug nach Zoppot ein zweites Mal nach 1988. Christa Wolf war im Sommer 1971 auf dem Weg nach Landsberg an der Warte, das heute Gorzów Wielkepolski heißt. Es muss sehr heiß gewesen sein in jenen Tagen. Und es war sehr heiß, als ich mit Aron gen Osten fuhr.

Polen, Danzig, die Fahrten dorthin, das war mir 2005 irgendwie schon vertraut. Ich war zwischen Herbst 1991, als ich mit Großmutter das erste Mal in Polen war und Hochsommer 2005 bestimmt sechs- oder siebenmal in Polen. Es begann in jenem Sommer die Vertrautheit zu Christa Wolf und ihrem Leben, die mich in den vergangenen zwei Wochen nun in so tiefe Trauer gestürzt haben.

Ich kaufte mir nach der Rückkehr »Ein Tag im Leben«. Und verschlang das Buch. Diese Mischung aus persönlichen Erinnerungen und Sicht auf die große Politik in Deutschland der Jahre 1960 bis 2000 – das war genau mein Stoff.

Ende der 2000er-Jahre bekam ich von Aron das von Christa Wolf selbst eingelesene Hörbuch dazu. Meinen iPod besitze ich seit Herbst 2007, ich würde sagen, seither trage ich Frau Wolf ständig bei mir. Zu der Zeit joggte ich regelmäßig. Und zum Joggen hörte ich ausschließlich Christa Wolf, wie sie aus ihrem Tagebuch vorliest.

Als ich im Februar 2009 mit Aron zu meiner ersten Christa-Wolf-Lesung ging, konnte ich in Gedanken fast jeden Satz, den Frau Wolf aus ihren Aufzeichnungen vom 27. September vorlas, mitsprechen.

Christa Wolf lebte bis 1988 in der Friedrichstraße am Oranienburger Tor. Ganz viele ihre Aufzeichnungen sind »Heimataufzeichnungen«. Meine Nachbarschaft kommt immer wieder vor. Museumsinsel. Weidendammer Brücke. Das ehemalige Reichsbankgebäude am Werderschen Markt. Friedrichstadtpalast (die Wolfs wohnten direkt gegenüber). Alltag in Berlin.

Dann auch immer wieder Erlebnisse mit ihrem Mann, mit ihren Töchtern, mit ihren Enkeltöchtern. Wenn man das immer wieder hört – und zwar gerne hört – dann wird einem diese eigentlich total fremde Person irgendwann so vertraut, als kenne man sie seit Jahren persönlich.

Zu ihrem achtzigsten Geburtstag mein Ausflug mit Aron nach Gorzów Wielkepolski. An die Stätten ihrer Kindheit. Ich kenne nicht das Haus, in dem meine Großmutter als Kind gelebt hat. Aber ich kenne das Haus, in dem Christa Ihlfeld Kind war.

Und immer wieder in meinem Alltag Gedankenblitze. »Wie beschrieb es Frau Wolf?«. »Ach, hier fällt mir wieder Christa Wolf ein«.

Dann wie eine Donnerschlag die Todesnachricht vor zwei Wochen.

Heute wurde Frau Wolf beerdigt. Ich war auch dort. Hatte aber wenig Lust auf den zu erwartenden Promiaufmarsch zur Trauerfeier. Heute früh las ich, dass Klaus Wowereit kommen wolle, Günter Grass eine Rede halten würde. Ich kenne den Dorotheenstädtischen Friedhof. Ich weiß, dass dort nur eine kleine Kapelle steht. Ich dachte, ich geh da eine Stunde später hin und nehme ganz in Ruhe Abschied von »meiner« Christa Wolf. (Hätte ich heute früh davon gelesen, dass Corinna Harfouch und Christa Wolfs Enkeltochter Jana Simon Trauerreden halten sollten, wäre ich vielleicht doch eine Stunde früher gekommen. Corinna Harfouch mag ich sehr gerne. Und Jana Simon – was soll ich sagen, sie gehört für mich eben auch zu den »Vertrauten« aus der Wolfschen Familie.)

Aber selbst um zwölf Uhr (der offizielle Beginn der Trauerfeier war um elf Uhr) stand noch eine lange Schlange vor dem Grab. Ich drückte mich noch etwas auf dem Friedhof herum, vergoss die eine oder andere Träne, bis dann wirklich niemand mehr vor dem Grab stand. Außer zwei Totengräbern. Ich warf war ein kurzes »Tschüss, Frau Wolf« in das noch offene Grab, bevor die Totengräber den Sarg zuschaufelten.

Ein wirklich allerletzter Gruß.