Archive for Mai 28th, 2011

Ausblicke

Herr Bodewig hat einen Vogel, Tag 2

28. Mai 2011

Aufwachen gegen halb acht. Noch bevor ich mir einen Kaffee mache, wird August (so haben wir den Kleenen gestern getauft) von mir versorgt. Auf nüchternen Magen schnipple ich rohes Fleisch klein und füttere es ihm.

9.12 Uhr. Gestocktes Ei mit Milch und Honig für den Gast:

2011-05-28-0912.jpg

Das Füttern erfordert ungemeine Geduld. Man darf sich August nicht als ständig hungriges Küken, das dauernd mit weit aufgesperrtem Schnabel nach Futter bettelt, vorstellen. August isst drei Happen, will dann ein bisschen Wasser nippen, braucht fünf Minuten Ruhe. Kackt. Und dann darf weiter gefüttert werden. So zieht sich ein Frühstück leicht über zwei Stunden.

Ich will den Kleinen einigermaßen gestärkt wieder aussetzen. Falls seine Eltern (so sie denn auftauchen), ihn nicht sofort füttern können oder wollen.

10.21 Uhr:

2011-05-28-1021.jpg

10.26 Uhr:

2011-05-28-1026.jpg

2011-05-28-1026b.jpg

10.27 Uhr:

2011-05-28-1027.jpg

10.32 Uhr:

2011-05-28-1032.jpg

12.16 Uhr. August sitzt wieder in der Astgabel, in die ich ihn gestern Abend schon gesetzt hatte:

2011-05-28-1216.jpg

Leider plumpst er in den folgenden zwanzig Minuten zweimal zu Boden. Keine harte Landung. Aber Fliegen kann man das noch nicht nennen. Nach der dritten Bruchlandung lass ich ihn am Boden, setze mich gut zwanzig Meter weg und halte ihn und den Luftraum über ihm in Beobachtung.

Bis 16 Uhr passiert leider gar nichts. Er ruft nicht. Seine Eltern tauchen nicht auf. Wenn man annehmen sollte, dass er irgendwo in der Breiten Straße aus seinem Nest gefallen ist, sollte man die Alttiere eigentlich in den Bäumen in der Nähe sichten können. Wenn sie denn noch weiteren Nachwuchs zu versorgen haben. Aber vier Stunden lang passierte nichts.

Freundlicherweise bekam ich ab halb zwei Gesellschaft bei der Vogelsichtung.

16.13 Uhr. Wir sind wieder bei mir zu Hause und Augusts Appetit auf Hühnerleber und Wasser ist zumindest anfangs ganz ordentlich:

2011-05-28-1613.jpg

16.24 Uhr:

2011-05-28-1624.jpg

Das Zetttelchen am Bein bekam August von mir verpasst. Heute Morgen sprach ich mit einer Frau von einer Berliner Vogel-Auffangstation. Sie empfahl mir, den Vogel mit meiner Telefonnummer zu »markieren«, falls er nach erfolgreicher Annahme durch seine Eltern noch einmal hilflos werden und von anderen Leuten gefunden werden sollte. Die könnten mich dann anrufen und ich könnte raten, den Vogel nicht mit nach Hause zu nehmen. Damit sich dieses Drama nicht wiederholt. Irgendwie war das Zettelchen heute überflüssig.

16.25 Uhr:

2011-05-28-1625.jpg

16.41 Uhr:

2011-05-28-1641.jpg

17.01 Uhr.

2011-05-28-1701.jpg

18.44 Uhr:

2011-05-28-1844.jpg

Ausblicke

Herr Bodewig hat einen Vogel

27. Mai 2011

20.15 Uhr: Eigentlich wollten Herr Neubert und ich nur auf den Schlossplatz gehen und eine Runde Frisbee spielen. Aber der Abend sollte sich ganz anders entwickeln.

20.30 Uhr. Eine junge, noch flugunfähige Nebelkrähe sitzt verängstigt und mich anfauchend unter einem Baum auf der Breiten Straße. Die Rabeneltern – wenn sie’s denn sind – krächzen weiter oben im Geäst.

20.39 Uhr. Wer von den Rabeneltern-Attacken in Berlin gelesen (2009, 2010, 2011) hat, schützt sein Haupt:

2011-05-27-2039.jpg

20.40 Uhr. Nach kurzem Überlegen (was passiert mit einem Jungvogel, der auf einer Innenstadtstraße umherirrt und nicht höher als zwanzig Zentimeter fliegen kann?) wird die Adidas-Jacke als Krähennetz eingesetzt:

2011-05-27-2040.jpg

20.41 Uhr. Der Jungvogel wird von mir in einer Astgabel abgesetzt:

2011-05-27-2041.jpg

20.50 Uhr. Schlendernd gen Sonnenuntergang (ohne Vogel und auf der anderen Straßenseite):

2011-05-27-2050.jpg

21.10 Uhr: Der Vogel sitzt noch immer ohne ihn versorgende Eltern einsam auf seinem Ast. Wieder kurzes Überlegen. Sollen wir ihn seinem Schicksal überlassen? Oder könnte es sein, dass der Vogel ohne sein schützendes Nest und ohne Futter in der Nacht vor Erschöpfung wieder vom Baum fällt und von einem Fuchs gefressen oder von einem Auto überfahren wird? Wir entschließen uns für ein erneutes Einfangen und den Transport zu mir nach Hause.

21.16 Uhr. Frisches Wasser für den Gast auf dem Sofa meiner Wohnung:

2011-05-27-2116.jpg

Gegen 21.30 Uhr: Telefonat mit Vater Neubert (Wildtierexperte), der zu rohem Fleisch als Mahlzeit rät und unsere Idee, die Krähe nach Hause genommen zu haben, in Ordnung findet.

23.18 Uhr. Inzwischen ist der Gast sehr zutraulich:

2011-05-27-2318.jpg

23.49 Uhr. Kaiser’s hat bis Mitternacht offen. Innerstädtische Wildtierfütterung mit frisch gekaufter Geflügelleber (und das passiert zwei Vegetariern!):

2011-05-27-2349.jpg

Gegen Mitternacht: nach etwas Googlen wissen wir, dass unser Adoptivkind etwa drei bis vier Wochen alt sein muss, Ästling genannt wird und unter Umständen noch von seinen Eltern weiter versorgt worden wäre. Ich werde den Kleinen morgen früh an die Fundstelle zurückbringen, ein oder zwei Stunden warten und schauen, ob die Eltern auftauchen und sich ihres Kindes wieder annehmen. Töne hat der junge Gast allerdings die ganze Zeit keine von sich gegeben.

1.28 Uhr:

2011-05-28-0128.jpg

2 Uhr: Der Kleene schläft nun seit zwei Stunden und scheint sich ganz wohl in seinem neuen Nest zu fühlen. Ich gehe jetzt auch schlafen und hoffe, er verwüstet mir bis morgen früh nicht meine Wohnung.