23. April 2011, 22.15 Uhr

Meine erste geplante Station habe ich schon mal nicht erreicht. Wenn auch nur knapp. Es ist wirklich verhext mit mir und den Fähren. Ich kam tatsächlich nur drei Minuten nach Fährbetriebschluss an. Wobei die Frage ist, ob der Fährmann, der offensichtlich auf der anderen Seite der Havel wohnt und seine Fähre dort in die Nachtruhe geschickt hat, mich um 20 Uhr tatsächlich noch nach Ketzin übergesetzt hätte. Egal. Mein Nachtlager ist so schlecht auch nicht. Ich habe fast totale Ruhe, einen Tisch und eine Bank direkt vor meinem Zelt und morgen kann ich – wenn mir danach ist – fünfzig Meter fahren und am Campingplatz eine Dusche nehmen.

Immerhin weiß ich jetzt schon von vier Fähren die Betriebszeiten aus dem Kopf: Kamp–Karnin (Peenestrom) bis 17 Uhr, Hitzacker (Elbe) bis 18 Uhr, Ketzin (Havel) bis 20 Uhr. Swibno (Weichsel) bis 22 Uhr. Und die übers Frische Haff fährt manchmal gar nicht nach Plan.

Hier ist echt der Hund begraben. Es ist immer wieder so krass zu sehen, wie schnell und abrupt Berlin und sein Speckgürtel in die totale Pampa übergehen. Berlin ist noch sichtbar. Der Himmel im Osten leuchtet hell. Wegen des Ostwinds fliegen die Flugzeuge von Westen nach Tegel. Direkt über mir. Ich kann sie sehen und hören. Dafür gibt es sonst nur tolle Dinge am Himmel zu sehen. Eine Sternschnuppe. Die ISS. Ganz viele Sterne. Fledermäuse.

Es ist kurz vor halb elf, ich liege bereits mit (elektrisch) geputzten Zähnen, im »Schlafanzug« und mit rausgenommenen Kontaktlinsen in meinem »Bett« und freue mich, gleich schlafen zu können.

In Berlin springen nun schätzungsweise mindestens eintausend Schwuppen total aufgeregt durch ihre Wohnungen oder Hotelzimmer. Wissen nicht, was sie anziehen sollen oder welche der vielen Drogen sie zuerst einwerfen sollen. Fragen sich, ob ihre frisch trainierte Brust im engen T-Shirt (oder ganz ohne was obenrum) auch gut genug zur Geltung kommt. Hoffen, dass sie heute Nacht mit mindestens fünf verschiedenen Männern Sex haben können.

Wer sich in der »Branche« nicht auskennt: Ostern ist nicht nur für Christen das höchste Fest. Sondern auch für Schwule. Naja, nicht für alle, wie man an mir sieht. In Berlin findet seit bestimmt zwanzig Jahren das Ledertreffen statt. Leder steht heute nicht mehr wirklich im Vordergrund. Es ist eher ein großes Fetischtreffen. Der absolute Höhepunkt dieses Fetischwochenendes ist die Snax-Party in der Nacht von Samstag auf Ostersonntag. Die findet seit etwa fünfzehn Jahren statt und hat seit einigen Jahren ihre Heimstatt im Berghain. Früher war es das Ost-Gut. Eigentlich eine tolle Veranstaltung. Früher war ich da auch gerne. Tolle Musik, tolle Party. Inzwischen ist mir dieser schwule Ostertrubel aber total zuwider. Ich bin auf diese Party nie gegangen, um Sex zu haben. Nicht, weil ich moralische Bedenken hatte. Ich brauche für Sex meine Intimsphäre. Ein geschlossener, mir wohl bekannter Raum. Das muss nicht mein eigenes Schlafzimmer sein. Mit Sicherheit aber kein Club, in dem tausend Männer rumrennen. Und jeder, wirklich jeder, hat Drogen genommen (was ich auch nicht moralisch verwerflich finde) und ist auf der Suche nach einem Sexpartner. Ist mir zu unentspannt. Diese ganzen Reisetrullas, die nur deswegen nach Berlin kommen. Drogen nehmen und ficken. Ein ganzes langes Wochenende lang. Schrecklich. Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der Berlin noch nicht so angesagt war. Oder in der nicht halb Paris und halb London mit EasyJet für fünfundzwanzig Euro nach Berlin fliegen konnten. Sind das die Zeichen von Alter, von beginnender Verspießerung?

Die Idee, statt dessen die Stadt zu verlassen und durch Brandenburg zu radeln, war jedenfalls toll. Die erste kleine Etappe heute war gut als Einstimmung. Ich bin gespannt auf morgen. Ich werde wieder viel Neues sehen.

Gute Nacht!

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