24. März 2011, 11.58 Uhr

Es erreicht mich eine E-Mail des Museumsdirektors des Hauses, an dessen Ausstellungskatalog ich die vergangenen zwei Wochen arbeitete.

Lieber Herr Bodewig,

ich war bei zwei Besuchen im Druckhaus Fischer zur Abnahme von drei Bögen mit Farbabbildungen – sehr schön gelungen.

Dabei erzählte mir Frau T. [zuständige Sachbearbeiterin in der Druckerei], dass man das Angebot für 160 Seiten auch zeitlich sehr knapp kalkuliert habe und es nun 208 Seiten sind, die z.T. in Nachtarbeit erstellt wurden. Frau T. meinte »wir haben schon bei vielen Projekten uns fremde Grafiker erlebt und mussten dabei immer nachbessern. Wir dachten, angesichts dieses Zeitmangels ist der Katalog nicht fristgerecht zu schaffen, wenn da etwas hakt. Aber dieser Herr Bodewig ist einfach klasse. Das von ihm gelieferte Material konnten wir problemlos sofort umsetzen.«

Das geht natürlich runter wie Öl.

Kurz bevor diese E-Mail eintrudelte, dachte ich noch einmal über meine Arbeitsbedingungen nach. Dass so etwas erst mit der heutigen technischen Infrastruktur möglich ist. Vor fünfundzwanzig Jahren hätte man dafür mindestens vier Wochen länger gebraucht.

Fotos von dreißig ausgestellten Originalwerken? Da schicken wir einen Fotografen ins Museum, der macht Fotos mit seiner digitalen Spiegelreflexkamera, bearbeitet diese farbgetreu und stellt sie mir per FTP-Server zur Verfügung. Auch drei Tage vor Drucklegung des Kataloges. Wäre vor fünfundzwanzig Jahren eine Sache von mindestens zwei Wochen gewesen. Fotos auf Diafilm. Diafilm in die Entwicklung. Diapositive in die Reproanstalt. Reproanstalt schickt Vierfarbsätze.

Eine Fotografie eines Ölgemäldes fehlt? E-Mail ans Bundeskanzleramt (Besitzerin des Bildes), die schicken die Daten per E-Mail. Zehn Stunden später sind die Daten da. Hätte vor fünfundzwanzig Jahren mindestens eine Woche gedauert.

Von dem Bild haben Sie nur großformatige Ektachrome? Schickt mir diese. Ich habe hier einen High-End-Scanner mit Durchlichteinheit, Profiscansoftware und einen kalibrierten Bildschirm. Vierundzwanzig Stunden später sind die Daten im Layout. Hätte vor fünfundzwanzig Jahren eine Woche gedauert. Wieder über den Umweg der Reproanstalt.

Korrekturabzüge an den Kurator? Moment, ich schreibe eine PDF, die liegt in zehn Minuten in der Dropbox. Hätte vor fünfzwanzig Jahren drei Tage gedauert. Belichtung auf Papier, damit in die Post, ist am übernächsten Tag bei Ihnen.

Der Katalog muss noch ins Lektorat? Machen wir übers Wochenende. PDF an die Lektorin, die korrigiert via Dropbox direkt in die Acrobat-Reader-Datei hinein. Wäre vor einem Vierteljahrhundert eine Sache von zwei Wochen gewesen.

Da fehlen noch biografische Angaben über einen der Autoren? Schauen wir im Internet nach. Da sind vier identische Einträge, dann wird es wohl stimmen. Vor fünfundzwanzig Jahren wäre man dazu in eine Bibliothek gegangen und hätte Bücher gewälzt.

Und jetzt alles in die Druckerei? Kommt auch auf den FTP-Server. Dass die Druckerei sechshundert Kilometer entfernt ist, ist völlig irrelevant. Die könnte auch sechstausend Kilometer entfernt sein.

Was in meinem Arbeitszimmer auf drei Schreibtischen steht, hat einen Neubeschaffungswert von etwa sieben- bis achttausend Euro. Damit erziele ich Ergebnisse, wie sie vor zwanzig Jahren noch nur mit Millionenaufwand erreicht werden konnten. Und mit Sicherheit nicht in ein Vierzehn-Quadratmeter-Arbeitszimmer gepasst hätte. Verrückt.

Ins Nachdenken kam ich, weil ich mich fragte, welche Infrastruktur ich als Erstes vermissen würde. Ganz eindeutig das Internet. Ich könnte auf Autobahnen verzichten (musste dann aber vermutlich nach fünf Tagen verhungern). Ich brauche keine Flugzeuge. Die Bahn ist mir noch wichtig. Strom natürlich. Und die schnelle Datenleitung ins Haus.