24. Februar 2011, 12.30 Uhr

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Dr. Guttenbergs Copy-Paste©¹

Vorgestern stieg meine Empörung über die »Affäre Guttenberg«² in einem Maße an, dass ich dachte, ich müsse hier meinen ersten wirklich politischen Eintrag verfassen. Die Empörung ist inzwischen einem Entsetzen gewichen. Ich bin entsetzt, mit welcher Nonchalance die Mehrheit der Bevölkerung diesen Diebstahl hinnimmt.

Ich habe nie eine Universität von innen gesehen. Jedenfalls nie wesentlich länger als eine Stunde. Ich habe noch nicht einmal Abitur. Aber ich kenne trotzdem die Abläufe rund um die Erstellung einer Dissertation.

Mein ehemaliger Mitbewohner C. S. (inzwischen sogar schon Prof. Dr. C. S.) saß etwa vier Jahre lang zuerst in meiner Wohnung in meinem Arbeitszimmer, später in unserer gemeinsamen Wohnung in unserem gemeinsamen Arbeitszimmer Tisch an Tisch neben mir, als er an seiner Dissertation arbeitete. Vielleicht ist diese persönliche Erfahrung (oder das Arbeiten an einer eigenen Dissertation) das, was man braucht, um diese Guttenberg-Nummer nicht als Kleinkram um ein paar »Anführungszeichen und Fußnoten«³, abzutun wie es uns BILD weismachen möchte.

Mein ehemaliger Mitbewohner lehrte mich den Umgang mit Zitaten, mit Quellen, mit eigenen Forschungsergebnissen. Nachdem seine Dissertation fertig war, habe ich sie sogar selbst monatelang in der Mache gehabt. Ich habe dieses über 700 Seiten starke Werk⁴ nämlich mit all seinen Fußnoten und Nachweisen layoutet und für den Druck bei einem Wissenschaftsverlag vorbereitet.

Mein Ex-Mitbewohner ging nicht in die Politik. Er blieb dem Universitätsbetrieb treu. Hatte selbst Studenten. Betreute deren Hausarbeiten. Ich bekam in unserem gemeinsamen Arbeitszimmer seine spöttischen Bemerkungen mit, wenn er mal wieder einen Studenten oder eine Studentin beim Klau von Texten aus dem Internet überführt hatte. Per Google-Suche. Das war schon um 2005 2003 gang und gäbe. Jene Hausarbeiten wurden entweder gar nicht oder mit schlechtester Note bewertet. Daran erinnere ich mich jetzt nicht mehr. Ich erinnere mich aber noch genau an meine Frage, ab wann denn Copy-and-Pasten zu Notenabzug führe. Seine Antwort damals: »Da reicht ein einziger Satz.« »Echt? So hart?« »Klar. So hart. Das bekommen die Studenten direkt zu Beginn meiner Vorlesungen gesagt: Man darf zitieren, muss dieses Zitat aber kenntlich machen. Wer bescheißt, fliegt raus.«

Vielleicht fehlt genau diese Erfahrung 57 Prozent der Bevölkerung⁵. Frau Merkel fehlt diese Erfahrung mit Sicherheit nicht⁶ ⁷. Und dies ist noch mehr der Grund, warum ich seit zwei Tagen so maßlos entsetzt bin.

Herrn zu Gutttenberg mochte ich noch nie. Frau Merkel war mir immer persönlich sympathisch, auch wenn ich sie politisch weiß Gott nicht immer gut fand. Seit zwei Tagen ist aber auch mein letzter Rest an Sympathie für Frau Merkel verflogen.

Alles Andere ist in inzwischen unzähligen Artikeln schon geschrieben worden: »Wie sollte man dann noch seinen Kindern klarmachen, dass das Abschreiben aus Wikipedia ein Vergehen gegen das eigene Denkvermögen ist?«⁸, »Es könne nicht sein, ›dass Studenten, die abschreiben bestraft werden und Politiker nicht‹«⁹, »Man merkt nicht, dass man kein Kavaliersdelikt deckt, sondern einen Schaumschläger, der Noblesse spielte, aber die Gebote des bürgerlichen Anstands zum Totalschaden brachte«¹⁰.

Ich bin noch immer empört und entsetze mich immer mehr.

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  1. Foto: http://hartgeld.com/filesadmin/images/cartoons/RK-Guttenberg-Gel.jpg via Twitter: KingBalance
  2. Wikipedia: »Karl-Theodor zu Guttenberg«, Absatz »Plagiatsvorwürfe und die Folgen«
  3. BILD.de, 24.02.2011: »227.175 BILD-Leser wollen, dass Guttenberg Minister bleibt«, Absatz »Das sagen die Leser«
  4. De Gruyter: »Sinner, Carsten: El castellano de Cataluña«
  5. Focus, 20.02.2011: »Mehrheit sieht Guttenberg nicht als Schwindler«
  6. ZEIT ONLINE, 24.02.2011: »Die Droge Guttennberg«, Absatz 5, »Angela Merkel hat am Montag Guttenberg aufgespalten in guten Politiker und fehlerhaften Wissenschaftler.«
  7. Wikipedia: »Angela Merkel«, Absätze »Studium in Leipzig (1973–1979)« und »Arbeit an der Akademie der Wissenschaften (1979–1989)«
  8. Bettina Schulte, Badische Zeitung, 23.02.2011: »Der Doktortitel schmückt«
  9. Gerold Bönnen in Wormser Zeitung, 24.02.2011: »Wissenschafts-Debatte: Zu Guttenberg steht bei Wormser ›Doktoren‹ in Kritik«
  10. Jan Feddersen, Die Tagesszeitung, 24.02.2011: »Wie die Union ihren Markenkern beschädigt: Das Guttenberg-Opfer«

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P.S. Das Schreiben des Artikels kostete mich etwa zehn Minuten. An den Recherchen und den Fußnoten saß ich über eine Stunde.

P.P.S. Das Verifizieren der verlinkten Artikel kostete mich noch einmal zehn Minuten.