10. Juli 2010, 17.15 Uhr

Ab heute kann ich behaupten, die gesamte polnische Ostseeküste aus eigener Kraft zurückgelegt zu haben.

(Google Maps kann nicht alle Strecken, die ich zurückgelegt habe, korrekt darstellen.)

Im Moment liege ich nordöstlich von Neukrug (Piaski) an der Danziger Bucht (Zatoka Gdańska) auf der Frischen Nehrung (Mierzeja Wiślana), die Ostsee plätschert total gelangweilt bei dreißig Grad Celsius an den Strand. Mein Wasser steht eingebuddelt halb im Wasser, halb im Sand, um es von gefühlten sechzig Grad etwas herunterkühlen zu können. Das übliche Käse-Tomaten-Brötchen ist mehr eine Schmelzkäsezubereitung mit gegarter Tomate.

Es war nicht die beste Idee, am vermutlich heißesten Tag des Jahres ausgerechnet diese Tour zu machen. Schon nach wenigen Kilometern war ich dem Zusammenbruch nahe. Immerhin habe ich nur kleines Gepäck dabei. Das erleichtert das Fahren ungemein. Und ich konnte mein Fahrrad irgendwo in der Pampa stehen lassen und mit nur einer mit Badetuch, Badehose, Sonnenkrem und Proviant bepackten Tasche auf sandigen Wegen durch den Wald an den Strand laufen.

Wenn es hier jemals eine Straße gab, die weiter in Richtung Pillau (Baltijsk / Балтийск) führte, ist diese heute gut versteckt.

Hinter mir rotiert auf einem letzten Kontrollturm auf EU– und NATO-Gebiet irgendein Radar. Dahinter steht – schon auf dem Gebiet der Oblast Kaliningrad (Kaliningradskaja oblast / Калининградская область) – ein Militäraussichtsturm.

Ganz komisch. Ich bin jetzt sozusagen am Ende der westlichen Welt angekommen. Am Horizont kann ich Pillau (Baltijsk / Балтийск) ausmachen. Wäre die Grenze passierbar, könnte ich in einer halben Stunde dort sein.

Ich muss die nächsten Tage unbedingt noch meine Gedanken zum Thema „Grenzziehungen nach den zwei Weltkriegen“ aufschreiben.

Die Frische Nehrung (Mierzeja Wiślana) hatte ich mir anders vorgestellt. Nicht so hügelig, nicht so bewaldet. Schön ist es hier auf alle Fälle.

Über mir fliegen immer wieder Kormorane in Formationen hinweg. Das hier ist schon sehr abgefahrene Natur.

Ich mach mich jetzt mal auf den Weg zum Grenzzaun. Es sind noch etwa zwei Kilometer. Meinen Kram lasse ich am Strand liegen. Für alle Fälle packe ich meinen Reisepass ein.