10. Juli 2010, 10.15 Uhr

Mein vergangenes Nachtlager hat einen fantastischen Ausblick. Leicht erhöht, mitten im Wald, mit Blick auf die Ostsee.

Um neun Uhr war ich schon eine Runde schwimmen. Jetzt gibt’s Kaffee, Orangensaft, Joghurt und süße Teilchen.

Eigentlich wunderschön hier. Wenn denn die Spießer um mich rum nicht wären.

Am Strand hatten sich um neun Uhr schon Horden von Rentnern sowie bierbäuchigen und fettärschigen Spießerfamilien das Terrain regelrecht aufgeteilt. Alle haben mit so zaunartigen Windschutzmatten ihr Revier abgeriegelt. So dicht auf dicht, dass man kaum ins Meer kommt.

Mein Zelt steht etwas schief auf einer Anhöhe, direkt vor mir hatte (!) ich kleines freies Plateau, dahinter fällt der Waldboden etwas ab.

Zum Aufwachen fanden sich zwei Spießerfamilien vor meinem Zelt ein, zuerst ihre Karren umhermanövrierend, die sich mit ihren zwei ausgewachsenen Zelten auf diesem Plateau breitmachten. Ungelogen: kein Meter vor meiner „Haustüre“ hab ich die jetzt hocken. Ich tippe auf Drei-Generationen-Urlaub: Schwiegereltern, Ehepaar, zwei Gören. Der Papi hat sich vor dem Zeltaufbau um neun Uhr erstmal eine Dose Bier reingezogen.

Mit meiner Minimalstausstattung zum Frühstück (Gaskocher, Fahrradtasche als Sitzunterlage, sonst nüscht) habe ich mich etwas zur Seite verzogen und konnte die vergangene Stunde meinen Blick schweifen lassen durch den Wald, über die Danziger Bucht oder eben dieser Familie bei ihrer total unentspannten Heimstatterschaffung zusehen. Es wurde alles ausgepackt und aufgebaut, was des wahren Zeltplatzurlaubers Herz begehrt. Vati (jünger als ich, nie lächelnd, Opel-Kadett-Fahrer und Socken-in-Sandalen-Träger) muss unter Zwanghaftigkeit leiden. Jeder Campingstuhl, jeder Tisch, selbst das mitgebrachte Küchenradio, das jetzt plärrt, wurden exakt ausgerichtet.

Warum bleiben solche Leute eigentlich nicht zu Hause, wenn sie sich selbst im Wald, am Meer, in der Natur so einrichten müssen wie daheim?

Vom Publikum her jedenfalls kein Vergleich zu den Waldcampingplatz in Heubude (Stogi) mit seinen coolen, fast schon hippieartigen Gästen.

Vati ist jetzt schon beim dritten Bier angelangt. Um kurz nach elf Uhr.

Ich finde das alles aber eher spannend und belustigend, als dass es mich aufregt. Nur etwas mehr Abstand zu meinem Zelt hätten sie vielleicht halten können.

Trotzdem werde ich mein Zelt hier noch eine Nacht stehen lassen und nur einen Tagesausflug zum „Nordende“ der Frischen Nehrung (Mierzeja Wiślana) machen

Mal ohne fettes Gepäck fahren. Zumal ich auch nicht weiß, was mich unterwegs erwartet.

P.S. Mein verloren geglaubtes Mobiltelefon ist heute Morgen in einer hinteren Ecke meines Innenzeltes wieder aufgetaucht. Und ich bin mit meinem Zelt ein paar Meter umgezogen. Natürlich nicht, ohne die Spießer-Alles-Ausrichter-Familie dabei mit Blicken zu töten.