9. Juli 2010, 13.45 Uhr

Heute habe ich schon wieder zwei Dinge gelernt: Ich befinde mich noch auf dem Gebiet der Freien Stadt Danzig. Östlich von Danzig (Gdańsk) gibt es eine Schmalspurbahn. Sogar dampfbetrieben. Einen Zug habe ich noch nicht gesehen.

Doch der Reihe nach: Heute Vormittag habe ich meinen neuen polnischen Freund, der mich zu so viel Wodka und Bier eingeladen hat, noch einmal getroffen. Entweder habe ich gestern im Suff mein Mobiltelefon verloren oder es ganz tief in eine meiner Taschen gepackt. Ich bemerkte das Fehlen kurz vor dem Start in Nickelswalde (Mikoszewo). Ich habe dann im Club Paradise nachgefragt. Kein Telefon. Mein neuer Freund kam des Weges. Auch bei ihm kein Telefon.

Egal. Es war nur so ein Billigteil von Samsung mit einer SimyoSIM-Karte drin. Jetzt kann ich nur leider nicht mehr von unterwegs twittern. Wobei mein letzter Twitter-Eintrag eh falsch war.

Auf dem Weg sah ich Gleise neben der Straße. Schmalspurgleise! Die wirkten auf mich erstmal wie nicht mehr in Betrieb. Am nächsten Bahnhof musste ich dann mal die Lage inspizieren. Bahnhof Pasewark (Jantar). Dort hängt ein aktueller Fahrplan. Also ist die Strecke doch noch in Betrieb. Am Bahnhof ein kleiner Sklep, davor ein paar Einheimische beim Schwatz. Ein älterer Herr sprach mich auf Polnisch an. Ich: „Mówię tylko trochę po polsku“ (ich spreche nur wenig Polnisch). Er: „Sprechen Sie Deutsch?“ Dann fragte er mich in fast perfektem Deutsch, ob er mir helfen könne. Ich sagte ihm, das alles in Ordnung sei, dass mich nur die Bahn interessiere und dass ich ganz überrascht sei, dass sie noch in Betrieb ist. Er erzählte mir dann, dass sogar noch Dampfzüge führen, die Strecke sich in Steegen (Stegna) teile, an der Küste bis Stutthof (Sztutowo) fahre und in den Süden bis Tiegenhof (Nowy Dwór Gdański). Er erzählte mir weiter, dass er fünfundsechzig Jahre alt und in Danzig (Gdańsk) geboren sei. Er sagte mir außerdem, dass das alles noch Gebiet der Freien Stadt Danzig sei. Ungefragt. Als hätte er meine Gedanken lesen können.

Die Leute hier sind wirklich von einer ungemeinen Offen- und Freundlichkeit, dass es mich, den alten Berliner, immer wieder nur wundert. Auch dieses Lächeln der Leute, wenn ich einfach nur dzień dobry, proscę und dziękuję sage. Also guten Tag, bitte und danke. Das ist man aus Berlin einfach nicht gewohnt.

Inzwischen habe ich Steegen (Stegna) erreicht. Auch so ein kleines, verschlafenes Nest. Der Bahnhof hat eine bahntechnische Besonderheit: Hier zweigt die Strecke nach Tiegenhof (Nowy Dwór Gdański) nicht einfach nur ab. Es gibt ein Gleisdreieck. Wie am gleichnamigen Berliner U-Bahnhof bis zu dem großen Unglück 1908.

Mitten in dem Gleisdreieck steht ein Imbisswagen und zum Glück ein Sonnenschirm. Der Imbissjunge (nebenbei: ein Afro-Pole, der erst dritte oder vierte, den ich in den zwei Wochen Polen sehe; Polen ist ein bevölkerungsmäßig extrem homogenes Land) hat kaum etwas zu tun. In der einer Stunde, in der ich jetzt hier Pause mache, hatte er nur mich als Kunden.

Ein Zug kam auch. Keine Dampflok. Eine Diesellok. Und offene Personenwagen. Also so eine Art Sommer-Strandbahn.

Die 30-Grad-Marke dürfte heute schon überschritten worden sein. Es ist wirklich Hichsommer.

Ich habe sowieso so ein Glück mit dem Wetter.