9. Juli 2010, 21 Uhr

Heute Abend war ich nach einem schönen Tag, nach einem Bad in der Ostsee in Steegen (Stegna), nach dem Erblicken ganz vieler süßer Häuschen im ehemaligen KZ Stutthof.

Es war nicht mein erster Besuch in einer KZ-Gedenkstätte. Vor vielen Jahren war ich schon im KZ Auschwitz gewesen. Ich wusste in etwa, was mich erwartete. Trotzdem haut es einen dann doch wieder um. Warum tun sich Menschen gegenseitig so etwas an?

Was mich mal wieder so fassungslos gemacht hat, waren zwei Dinge: Diese Perversion der Nazis im Umgang mit Menschen, die ihnen nicht genehm waren. Mit Juden. Oder auch mit Polen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es Polen in der ehemaligen Freien Stadt Danzig (Wolne Miasto Gdańsk) ab 1940 unter Androhung von Strafe untersagt war, in der Öffentlichkeit Polnisch zu sprechen. Das muss man sich mal vorstellen! Die Menschen waren dort auf die Welt gekommen, lebten dort schon länger als diese Nazi-Idioten teilweise alt waren und sie durften sich nicht in ihrer Muttersprache auf der Straße unterhalten.

Mir fiel auf dem KZ-Gelände der Nazi mit der SS-Uniform, den ich in Rügenwalde (Darłowo) gesehen hatte, wieder ein. Ich bekam so eine Wut. Ich hätte mir gewünscht, ihn in den Stacheldrahtzaun um das Lager zu schmeißen. Oder Schlimmeres.

Das andere war diese Nähe von Grauen auf der einen und „Normalität“ und Banalität auf der anderen Seite. Am Eingang zum Lager steht eine wunderhübsche Villa, in der zu KZ-Zeiten der KZ-Kommandant mit seiner Familie lebte. Wie hat das zum Beispiel die Ehefrau ausgehalten?

Als ich Anfang der Neunzigerjahre im KZ Auschwitz war, war es Herbst. Fast schon Winter. Das Wetter war grauenhaft. Alles an jenem Tag war grau und trostlos. Heute war so ein schöner Tag, die Gegend hier ist wunderschön, die sind Häuser total putzig und dann kommt man an diesen Ort des Schreckens. Auch damals muss es schöne Sommertage gegeben haben. Schwer zu ertragen oder vorzustellen, finde ich.

Was ich mich dann auch fragte, war, was meine Großeltern wohl davon wussten oder nicht wissen wollten. Die Konzentrationslager sind eine Sache, das mit den absurden Vorschriften eine andere. Das war total öffentlich. Es wurden Plakate in Danzig und Zoppot aufgehängt, auf denen das Sprechen von Polnisch in der Öffentlichkeit untersagt wurde. Was hat sich meine Oma dabei gedacht?

So ein Besuch lässt einen jedenfalls nicht kalt. Zum Schluss des Rundgangs, an den Gaskammern und in dem Krematorium, konnte ich jedenfalls nur noch heulen und mich schämen.

Wer nach Danzig (Gdańsk) kommt, sollte sich einen Tag Zeit nehmen und auch Stutthof (Sztutowo) und dort das KZ besuchen.

Kein schöner Besuch im eigentlichen Sinne, aber auf alle Fälle ein Verständnis bringender. Ich dachte dann auch, dass ich jetzt wieder ein wenig verstehen kann, warum die Deutschen nach dem Krieg so erbarmungslos von hier vertrieben wurden. Oder warum diese Erika Steinbach in Polen so verhasst ist.