8. Juli 2010, 22.45 Uhr

Kinder, ich erleb was auf meiner Reise! Inzwischen bin ich – wenn ich mich nicht täusche – in Ostpreußen angekommen. Auf alle Fälle östlich der Weichsel.

Die Fahrt von Heubude (Stogi) und damit aus Danzig (Gdańsk) raus war ein bisschen ein Horrortrip. Die einzige Brücke über die Mottlau (Motława) – die Johannes-Paul-II-Brücke (Most im. Jana Pawła II w Gdańsku) – ist für Fahrräder und Fußgänger gesperrt. Ich bin den viel zu schmalen Fußgänger- oder Notfallweg neben der Fahrbahn zwischen Brückengeländer und Leitplanken langgefahren, um dann auf der anderen Mottlauseite doch die Fahrbahn zu wechseln. Es wurde zu schmal für mich und mein Fahrrad. Aber wenn die auch keine Radwege bauen …

Danach hinterte mich eine große Raffinerie am geplanten Weiterkommen. Ich befürchtete schon, in dem Industriegebiet östlich Danzigs gefangen zu sein.

Ein sehr freundlicher Peugeot-Händler, den ich fragte, zeigte mir den am Ende doch falschen Weg und schenkte mir einen polnischen Straßenatlas.

Mit großen Mühen und vielen Unwegen kam ich da doch noch raus.

Nach etwa zehn Kilometern Fahrt über eine mäßig, aber wieder von Wahnsinnigen befahrenen Straße wurde es ab der Pantonbrücke über einen der Weichselarme bei Bohnsack (Sobieszewo) wieder richtig hübsch und ländlich. Wie heißt eigentlich diese Insel zwischen Ostsee, Mottlau und Weichsel?

Nach weiteren fünfzehn Kilometer die nächste Weichselüberquerung. Nun per Fähre. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Alles sehr ländlich. Komplett andere Architektur.

Im ersten Dorf nach der (Haupt-)Weichselüberquerung habe ich mein Nachtlager aufgeschlagen. Nickelswalde (Mikoszewo) heißt der Ort.

Um noch etwas zu essen und zu trinken, bin ich ins einzige geöffnete Etablissement gegangen. Club Paradise. Hier gibt’s Karaoke, leckeren Fisch, Żywiec und mindestens zwei Mädels, die gerne näheren Kontakt zu mir hätten. Eine sprach mich schon an (zwischen zwei Sangesauftritten) und hat offenbar den restlichen Gästen die Information weitergegeben, dass ich Deutscher bin. Ich durfte mir von inzwischen fünf Leuten anhören, dass sie schon einmal in Köln, Bottrop, Hamburg und Berlin waren. Einer hat mir unaufgefordert sein Arbeitsvisum für Deutschland und die Kopie eines altes, deutschsprachigen Ortsplans des Dorfes vorgelegt. Er will jetzt einen Schnaps mit mir trinken.

Pünktlich um Mitternacht ist Schluss mit Karaoke und mit Disko. Schade eigentlich. War ganz lustig. Und die Gäste hatten offenbar Spaß an ihrem Abend. Ich bisher auch.