25. Juni 2010, 20.20 Uhr

Eigentlich wollte ich noch ein wenig weiter fahren. Aber ich glaube, ich mach Schluss für heute. Ich war schon in Rügenwalde (Darłowo) und bin noch ein bisschen weiter an die Küste nach Rügenwaldermünde (Darłowko) gefahren.

Rügenwalde ist süß. Eine wirklich komplett erhaltene Altstadt. Etwas vergammelt zwar, aber sehr charmant. Leider ohne gastronomische Infrastruktur, die zum Bleiben einlädt.

In Rügenwaldermünde, wo ich seit einer Stunde sitze, habe ich mir Pierogi ruskie und endlich, endlich ein Żywiec bestellen können. Jetzt gerade sogar noch ein zweites. Das heißt, heute fahre ich nicht mehr weiter. Vielleicht schlafe ich heute sogar mal in einer Pension.

Unterwegs, vor etwa zwanzig Kilometern, ist mir der erste »richtige« Radfahrer begegnet. Da dachte ich, der sieht aus, als würde er auch eine größere Strecke zurücklegen. Ich saß gerade bei einem Zwischendurchimbiss in Seebuckow (Bukowo Morskie), als er mit fettem Gepäck und großer Geschwindigkeit an mir vorbeifuhr. Später überholte ich ihn bei einer seiner Pausen. Ich grüßte kurz mit Nicken, er erwiderte meinen Gruß mit einem »Hallo«. Auch ein Deutscher also. Gerade eben kam er hier in Rügenwaldermünde in der Fußgängerzone auf mich zu und sprach mich an. Welche Tour ich denn machen würde. Er ist seit gestern (!) vom Startort Neubrandenburg (!!) unterwegs. Am ersten Tag hat er 180 Kilometer bis Rewahl zurückgelegt. Heute auch schon 140 Kilometer. Ein wirklich Wahnsinniger! Mich soll noch einmal einer so nennen, wenn ich auf eine meiner Touren aufbreche. Übermorgen will er in Danzig sein. Das sind von hier auf direktestem Wege noch 165 Kilometer. Dazu fehlt mir eindeutig der Ehrgeiz. Aber meine Hochachtung vor so viel Radfahrerwahnsinn!

Ich glaube, ich hab habe einen leichten Sonnenbrand. Und nach dem zweiten halben Liter Żywiec schon wieder leicht einen sitzen. Polen wäre fatal für mich und meine Leber. Dieses leckere Bier. Und dieser leckere Wodka.

Gestern in dieser komischen Kneipe hab ich Luksosowa an der Bar entdeckt. Aber konnte widerstanden. Hier in dem Restaurant wird mir auch kein Unheil blühen. Mir wurde soeben bedeutet, dass sie schließen wollen. Es ist noch hell und noch nicht einmal halb zehn!

Was mir noch einfällt: Ich wollte eigentlich per Blog zur Recherche aufrufen, wo zu Weimarer-Republik-Zeiten die Ostgrenze des Deutschen Reiches zum Polnischen Korridor lag. Von Andi bekam ich ja dieses wunderbar revanchistische Buch »Unvergessene Heimat Pommern« geschenkt. Tolle Fotos. Unsägliche Texte. Ich habe es bei mir. Andi meinte vor ein paar Tagen am Telefon, ich solle es auf meiner Reise durch Polen gut verstecken. Wenn ich es unterwegs raushole, verstecke ich es auch immer gleich ganz verschämt. Aber immerhin ist dort mit zwei Bildern und ein bisschen Text der Grenzübergang in Filehne im Netzebruch erwähnt. Ich weiß jetzt zwar noch immer nicht, wo das genau ist, aber das kann ich hoffentlich die nächsten Tage noch recherchieren. Das finde ich als Geschichtsinteressierter natürlich sehr spannend. Und irgendwo auf den nächsten Kilometern muss ich diese alte Grenze ja passieren.